Eine Nabelschau der besonderen Art macht das Linzer Kunstmuseum Lentos in seiner aktuellen Ausstellung "Wolfgang Gurlitt - Zauberprinz". Es behandelt einerseits die Entstehungsgeschichte des Lentos und seiner Vorgängerinstitution, der früheren Neuen Galerie der Stadt Linz, die nicht ohne die Person Wolfgang Gurlitt zu denken ist. Auf der anderen Seite zeigt sie eine vielfältige und hochkarätige Ausstellung mit über 500 Werken aus der Sammlung des Lentos-Wegbereiters. Dabei ist das Museum gefordert, die Geschichte des schillernden Kunsthändlers und Sammlers zu beleuchten, dessen Hochphase seiner Tätigkeit nicht nur, aber auch in der NS-Zeit stattfand und der auch in den Handel beschlagnahmter Kunst involviert war.

Wer war Gurlitt?

Als Kunsthändler, Förderer und Museumsdirektor war er sowohl Teil der dunklen Geschichte der Stadt und zumindest indirekt in den Aufbau des "Führermuseums" involviert und danach wiederum Teil des kulturellen Neubeginns der Stadt nach dem Krieg. Als während des Kulturhauptstadtjahres 2009 das Schlossmuseum die Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers" zeigte, war dies ein wichtiger Ausgangspunkt für die öffentliche Auseinandersetzung der Stadt mit der NS-Zeit. Während sein Cousin Hildebrand Gurlitt sehr zentraler Spieler im NS-Raubkunsthandel war, versuchte sich Wolfgang Gurlitt zwar als Einkäufer für das "Führermuseum" beim "Sonderauftrag Linz", konnte aber nur in wenigen Fällen als Vermittler auftreten.

Lovis Corinths Bildnis von Wolfgang Gurlitt, 1917. - © Lentos Kunstmseum Linz
Lovis Corinths Bildnis von Wolfgang Gurlitt, 1917. - © Lentos Kunstmseum Linz

Wer war dieser Wolfgang Gurlitt also, fragt man sich beim Besuch der groß angelegten Ausstellung. Ein unreflektierter Opportunist, der alles der Liebe zur Kunst unterordnete? Ein eiskalter Profiteur? Ein begnadeter Netzwerker und Kunstkenner?

Die Ausstellung fällt kein klares Urteil und lässt auch Graustufen in seiner Beurteilung zu, behandelt die Person Gurlitt mit wissenschaftlicher Distanz. Sie zeigt vielfältige Aspekte von Gurlitts Leben, seine Beziehungen mit Linz, die von ihm geförderten und entdeckten Künstler, und widmet sich NS-Zeit und Restitutionsfragen. Mit Gurlitt trägt die Stadt Linz ein Kunsterbe, das Verantwortung einfordert.

Egon Schiele: "Blinde Mutter", 1914. - © Manfred Thumberger
Egon Schiele: "Blinde Mutter", 1914. - © Manfred Thumberger

In den vergangenen Jahrzehnten betreibt das Museum intensive Provenienzforschung und übergab 1999 dreizehn Werke jüdischen Besitzes an die rechtmäßigen Erben. Die Anfänge des Lentos Kunstmuseum als Neue Galerie der Stadt Linz sind eng mit dem Namen Gurlitt verbunden, die Galerie trug diesen zu Beginn auch als "Wolfgang-Gurlitt-Museum", 120 Gemälde und Zeichnungen aus seiner Sammlung bildeten die Basis für die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Galerie. Als Museumsdirektor bescherte er dem Nachkriegs-Linz prominente Ausstellungen etwa von Walt Disney, Chagall, Picasso und Braque, kam aber wegen undurchschaubarer Geschäftspraktiken und seiner Doppelfunktion als Direktor und Händler in die Kritik. 1956 trennten sich die Wege von Gurlitt und Linz im Streit, seine Sammlung wurde übernommen, er gründete eine neue Galerie in München.

Jeanne Mammen "Aschermittwoch", um 1926 Privatbesitz. - © Mathias Schormann
Jeanne Mammen "Aschermittwoch", um 1926 Privatbesitz. - © Mathias Schormann

Wolfgang Gurlitt, selbst aus einer Künstlerdynastie mit jüdischen Wurzeln stammend, übernahm sehr jung die Galerie seines Vaters in Berlin, wo er als erste Ausstellung eine Kollektivausstellung der Künstlergruppe "Brücke" mit Max Pechstein zeigte. Gurlitt übernahm danach die Alleinvertretung für Pechstein, einige Jahre später kam es zum Bruch mit dem Künstler. Die Ausstellung im Lentos, die noch bis 19. Jänner zu sehen ist, zeigt zahlreiche Gemälde von Pechstein, der erst durch Gurlitt bekannt wurde, wie die Kuratorin Elisabeth Nowak-Thaller erklärt. Die Ausstellung zeigt außerdem Werke von Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Lovis Corinth, Alfred Kubin. Von einem Gurlitt-Porträt Kokoschkas stammt auch der Titel der Ausstellung: "Zauberprinz". Kokoschka zeigte durch die Beziehung zu Gurlitt seine erste Nachkriegsausstellung in Linz und nicht in Wien. Das kleinste Bild der Ausstellung stammt von Carl Spitzweg, das teuerste ist die "Blinde Mutter" von Egon Schiele. Linz lehnte das Bild damals ab, es ist heute im Leopold-Museum.