Den Mut zur Lücke entdeckte John Baldessari im Metropolitan Museum. Die griechischen Vasen und der unbemalte Gips, mit dem Fehlstellen ausgebessert wurden, reizten ihn. Wie verändert sich ein Bild, wenn Teile überdeckt werden? In Fotografie, Malerei und Text stellte Baldessari Medien infrage und kommentierte schmunzelnd die Gesellschaft. Nun ist er am Donnerstag im Alter von 88 Jahren gestorben.

Der Kalifornier Baldessari zählte zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart. Seit 1996 war er Träger des Oskar-Kokoschka-Preises, der in Österreich alle zwei Jahre von einer zehnköpfigen Jury unter Vorsitz des Rektors der Universität für angewandte Kunst Wien vergeben wird. 2009 erhielt er für sein Lebenswerk den Goldenen Löwen der 53. Biennale von Venedig. Drei Jahre später wurde ihm der Kaiserring der Stadt Goslar verliehen, 2015 zeichnete der damalige US-Präsident Barack Obama Baldessari mit der National Medal of Arts aus, der höchsten Würdigung der US-Regierung für Künstler.

Spöttische Radikalität

Für die Wiener Staatsoper hatte Baldessari für die Saison 2017/18 den Eisernen Vorhang gestaltet: In dem 176 Quadratmeter umfassenden Großbild ging der Künstler unter dem Titel "Graduation" von dem Schwarz-Weiß-Foto einer universitären Gruppe aus. Fünf Mitglieder der Formation hatte Baldessari in bunten Farben übermalt - ein typisches Baldessari-Werk. Mit skurrilen Collagen und unerwarteten Bildkompositionen konnte der weißbärtige Zwei-Meter-Mann bei so manchem Betrachter ein Lächeln hervorrufen.

Doch auf den zweiten Blick setzte bei vielen Verwunderung ein, wenn das Radikale an Baldessaris sichtbar wurde. Sein spöttischer Ton galt nicht selten der Kunstwelt und dem modernen Kunstbetrieb. Er wolle entschleunigen und zu neuen Blickweisen auf die Welt anregen, sagte er dem Radiosender NPR 2013. Eine Frische und Relevanz bewahrte er sich auch nach den über 1000 weltweiten Gruppen- und 200 Einzelausstellung seiner Karriere. Die Kunst der Lücke wurde dabei zu Baldessaris Taschenspielertrick. "Manchmal entfernt er das Ding, das am offensichtlichsten mitten in deinem Blickfeld liegt, zwingt dich, fast zum ersten Mal alles andere anzugucken, um einen neuen Sinn für das Gesehene zu schaffen", fasste Michael Govan, Direktor des Los Angeles County Museum of Art (Lacma) zusammen. Genau das bedeute Konzeptkunst schließlich, zu dessen wichtigsten Vertretern Baldessari zählte: Der Künstler legt dem Publikum nur die Idee vor, erst im Kopf des Betrachters wird sie zur Kunst.