Seit den 1980er Jahren sammelt das Ehepaar Florence und Daniel Guerlain Kunst und dabei vor allem Zeichnungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Da die Albertina seit Jahren einige Privatsammlungen in ihre eigenen integrierte, gibt es Ausstellungen wie diese, die internationale Vergleiche suchen. So eine Gelegenheit ist die Auswahl von 20 künstlerischen Positionen, die das Ehepaar Guerlain 2012 dem Centre Pompidou als Schenkung überlassen hat. Kuratorin Elsy Lahner hat einige bekannte Positionen - wie Robert Longo, der mit wichtigen Werkserien auch in Wien zu finden ist, oder wie Kiki Smith, die durch Personalen des MAK und des Belvedere dem Publikum hier bekannt ist - eher unbekannten gegenübergestellt.

Sandra Vasquez - © Sandra Vasquez de la Horra
Sandra Vasquez - © Sandra Vasquez de la Horra

Denn gerade unbekannten Positionen der Gegenwartskunst können überraschend neue Eindrücke vermitteln. Sie kamen durch den vom Ehepaar Guerlain ausgelobten Prix de Dessin in deren Sammlung. Dieser wird seit 2007 einmal im Jahr über eine Jury ermittelt. Die jungen Positionen sind meist europäische und von neuen Techniken und der Auswahl vieler ungewöhnlicher Materialien her interessant. Überall zeigt sich die Tendenz, Tinten aus besonderen Wurzelsäften zu gewinnen, anderes als Papier und neue Collageverfahren einzusetzen, oder auch Bienenwachs wie in der alten Enkaustik wieder nutzbar zu machen. Zeichnen heißt nicht nur, Papier als Untergrund zu verwenden, sondern auch plastisch durch Draht Linien zu ziehen oder direkt an der Wand zu arbeiten, aber auch fotografische Verfahren oder Drucktechniken zu integrieren.

Facettenreicher Zeichenstil

Der Zeichenstil ist ebenso facettenreich: Vom Kratzen und wilder Linienführung in gestischer Expressivität wie bei Chloe Piene bis zur zarten Schraffur mit geometrischen Strukturen und fotorealistischer Akribie ist alles möglich. Das Metier der Architekturskizze, auch der skulpturalen Idee im Raum, aber auch die feine Illustration von Kinderbüchern mit Einbezug von Comics, Mangas oder Graffiti, bieten eine enorme Bandbreite, die es zuvor eigentlich nie gegeben hat. Obwohl winzig, fallen sofort die zudem in die anderen Ausstellungsräume der Albertina ausufernden, teils winzigen Albertinadoodles von Nedko Solakov auf. Denn sie sind die würzige Insektenfalle für Besucheraugen: Die Fliege oder das Insekt, die Maus, der Vogel, die es im Museum nicht geben darf und die sich neben Meisterwerken wie parasitäre Trabanten einnisten.

Der Krieg ist leider ein Thema unserer Zeit, bei Longo ist es die Bombardierung von Bagdad, die er 2007 mit Tinte und Kohle auf Velin nach einem Pressebild festgehalten hat: vorne der Euphrat mit Uferbeleuchtung, dahinter die brennenden Paläste und Häuser. Auch Pavel Peppersteins tanzende Frau über einer Stadt gehört zur Serie "Cities of Russia", die auf Zerstörungen Moskaus anspielt.

Wahr versus falsch

Der Kanadier Marcel Dzama bringt dies als "Something out of a Bad Dream" zur Sprache, in einer Sphäre zwischen Epochen, Kontinenten und mit unklaren Handlungen seiner Figuren. Die farblich an Ikonen und Buchmalerei erinnernden Blätter könnten aber auch ein absurdes Theater oder Filmsetting meinen. Marc Dions "The Shipwreck" von 2001 bringt Destruktion als Thema ein wie Jana Gunstheimer. Das mitten im Wald gestrandete Schiff und die Konfrontation von roten und blauen Linien zeigen hier weniger seine bekannte wissenschaftliche Methode, sondern sein ökologisches Interesse. Die Polarität von wahr und falsch, blaue Natur, rotes Wrack weist zusätzlich auf kulturelle Konstruktion.

Besonders zart sind nicht nur die Drahtgeflechte von Cornelia Parker ("Bullet Drawing", 2008), sondern auch die Strichführung bei Smith oder bei Javier Pérez, der in "Primigenios" Hirschgeweihe zu Bäumen verästeln lässt, die auch an Wurzeln und Übergänge zwischen Tod und Leben erinnern. Dazu passen Jorinde Voigts geometrische Symphonie-Studien von 2009, aber auch die gezeichneten lateinamerikanischen Mythen in der Wandinstallation von Sandra Vásquez de la Horra und Aya Takanos japanische Figürchen zwischen Hoch- und Subkultur, alten und aktuellen Rollenbildern.