Die Nacht wiegt mehr als der Tag

(cai) Was? Die Bilder vom Walter Vopava sind abstrakt? Glaub ich ihm nicht. Da kann er noch so oft beteuern: "Letztlich gibt’s a Bild. Das ist die Aussage." Oder: "Jede Interpretation wäre ja nur eine Annäherung an die Sache. Und die Sache ist das Bild." Ich bleib trotzdem stur. Was er in der bechter kastowsky galerie ausstellt, wird zwar nicht sehr deutlich, aber es stellt definitiv nicht nichts dar.

Der Johann Feilacher gibt dem Holz Feuer. - © Galerie ARTECONT
Der Johann Feilacher gibt dem Holz Feuer. - © Galerie ARTECONT

Will er mir also ernsthaft einreden, er sieht nix (außer halt Malerei), wenn er sich das anschaut? "I wüsst ned, was ma da sehen könnte." Ich schon. Gut, die Arbeit, auf die er gezeigt hat, als er diesen Satz gesagt hat, ist eventuell tatsächlich ungegenständlich. Anderswo erkenne ich allerdings Architektur. Vage oder verblasste Erinnerungen daran. Alles wirkt irgendwie . . . na ja, gebaut eben. Unter dem Nachthimmel steigt ein transparenter Farbdunst auf, erhebt sich eine nebulose kantige Form, die sich, okay, eher atmosphärisch verflüchtigt, als dass sie in der Komposition "einbetoniert" wäre, die wiederum Gegensätze wie hell und dunkel, Schwere und Leichtigkeit ruhig und beschaulich miteinander konfrontiert. He, oder halte ich das grobe Schwarz, das immer wieder an ein strahlendes Weiß grenzt, bloß deshalb für den nächtlichen Himmel, weil es oben ist? Vopava: "Eigentlich ist die Dunkelheit das Schwerere. Wemma das Bild umdrehen würde, würde es richtig dasitzen." Wohlgemerkt: Auf der Leinwand wiegt die Finsternis mehr als das Licht (ergo fürs Auge), nicht auf der Waage. Und die feinsinnig zwischen die klaren Fronten von Schwarz und Weiß hineingemalten zarten Zwischentöne sind sowieso schwerelos. Als abstrakte Kunst, die das Wesen der Malerei in einer einfachen, reduzierten Sprache geschickt auslotet, funktionieren die Arbeiten jedenfalls eh auch.

Kunst ist ein brennbares Material

(cai) Wirklich gezähmt hat der Mensch das Feuer ja offenbar eh nicht. Sieht man täglich in den Nachrichten. (In denen aus Australien.) Wie einen Hund an der Leine führen oder zurückpfeifen kann man es zumindest nicht. Und das Stöckchen holt es auch nicht brav. Das frisst es stattdessen.

Herwig Dunzendorfer, in dessen Galerie ARTECONT grad jede Menge verkohltes "Brennholz" herumsteht (und außerdem glühen die Wände - oder die Farben auf den Bildern an den Wänden), der hat da eine interessante Theorie, wer hier wen beherrscht: "Vielleicht ist es ja so, dass das Feuer ein Lebewesen ist, das sich die Menschen domestiziert hat, um sich ausbreiten zu können." Dem Johann Feilacher ("Ruß ist das einzig wahre Schwarz.") scheint es aber zu gehorchen. Okay, in der einen Hand hält er den Schweißbrenner und in der andern "die Blumensprayflasche zum Löschen". Zuerst geht er freilich mit der Kettensäge aufs Holz los, kostet die Verletzlichkeit des Materials gern bis an die Grenzen aus. Einen Baumstamm weidet er förmlich aus, bevor er die Wunde ausbrennt. Einem andern macht er dafür neckische Dalmatinerschecken. Der Gründer und künstlerische Leiter des Museums Gugging, ein studierter Psychiater ("Zu wissen, was so alles in der Psyche passiert, is überall a Vorteil" - folglich auch in der Kunst), kreiert durch Zerstörung. Kernige Stücke von elementarer Sinnlichkeit. Warum nur fällt mir jetzt dieser blöde Spruch ein? Ach, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt? Nein, der andere: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.

Die Bilder von der Maria Moser ("Ich kann Welten erschaffen und verwerfen. A gewisse Machtposition.") sind sogar noch heiß. Wärmen einen jedenfalls mit ihrem Rot und Orange. Energiegeladene Schöpfungsgeschichten, markig erzählt mit Spachtel und Händen. Das (gemalte) Feuer gebiert die Form, überall kollidiert Materie. Die Tochter eines Schlossers, quasi in einer Schmiede aufgewachsen, heizt uns sozusagen mit Öl ein. Öl (und Alustaub) auf Leinwand. Ob die Galerie nun Heizkosten spart?