Als der k.u.k. Baurat Otto Wagner 1894 am Anfang des Grabens im Zentrum Wiens das Ankerhaus baute, legte er schon in einer Zeichnung fest, dass der Dachausbau mit Glaskuppel für ein Fotoatelier von ihm gedacht war. Es ist wie die meisten seiner Bauten in einer Zeichnung wie einer Fotografie festgehalten. Wenig später zog ein Hoffotograf ein, 1971 wurde es das Atelier von Friedensreich Hundertwasser. Wagner benützte die Fotografie als Erster nicht nur für die Dokumentation wie damals bereits üblich, sondern er machte sie sich vor allem für die Bewerbung seiner Ideen zur modernen Architektur zunutze. Den Zukunftsstil in der Baukunst nannte er, frei nach Gottfried Semper, einen "Nutzstil", der sich von der Kopiersucht verschiedener Stile der Vergangenheit löste, um nur noch eine "gewisse freie Renaissance" gelten zu lassen.

Fotos als Sehhilfe

In Otto Wagners Wohnung in der Köstlergasse 3 befand sich auch die legendäre gläserne Badewanne. - © WienMuseum/Birgit u. Peter Kainz
In Otto Wagners Wohnung in der Köstlergasse 3 befand sich auch die legendäre gläserne Badewanne. - © WienMuseum/Birgit u. Peter Kainz

1896/97 publizierte er das Ankerhaus in der "Wiener Bauindustrie-Zeitung", die wie "Der Architekt" und später das "Ver Sacrum" der Session zu seinem Sprachrohr wurde. Dabei wirkte die Fotografie stark mit, während er in den vier Bänden seiner Werkpublikation von 1889 bis 1922 nur 30 Fotos zu 225 Zeichnungen einsetzte.

Doch manche Knipser-Fotografie wurde von ihm sogar benutzt, um seine Bauentwürfe zeichnerisch einzufügen - gut zu sehen in der Schau des Photoinstituts Bonartes - mit dem Blick vom Karlsplatz ins Wiental, wobei er einem Mistkarren im Vordergrund und der Secession rechts ein völlig neues Freihausviertel links gegenüberstellte. Dieses Foto als "Sehhilfe" Wagners fand sich im Nachlass seiner Urenkelfamilie, wohl aus einem Konvolut der vielen von ihm verwendeten und gesammelten Aufnahmen.

Das Bekenntnis Wagners zu den Ideen der Secessionisten brachte ihm Probleme seitens des konservativ eingestellten Kaiserhauses ein, vor allem Thronfolger Franz Ferdinand verhinderte so manchen stadtplanerischen Vorschlag, dennoch konnte Wagner 1893 mit der Stadtbahn Wien seine moderne Megastruktur wie einen Stempel bis heute wirksam aufdrücken.

1894 wurde er auch durch seine theoretischen Schriften zur modernen Architektur zum Professor an der Akademie der bildenden Künste ernannt und publiziere bald mit seinen teils berühmten Schülern - darunter Max Fabiani, Josef Hoffmann, Ernst Lichtblau) Jože Plečnik und Joseph Maria Olbrich - Häuser und Stadtbahn in ungewöhnlichen Ausschnitt-Fotografien, auch Schrägansichten, versehen mit deren Ornamenten und seinen Texten.

Damit trat langsam ein Geschmackswandel der Wiener ein, da die Mobilität und die dazugehörigen Bauten, wie auch das Nadelwehr in Nussdorf mit den Löwen Rudolf Weyrs auf Pylonen, schon als fotografische Ansichtskartenmotive auftauchen.

Otto Wagner wird Kult

Kult wurden die Stadtbahnbauten und Wagners Jugendstilhäusern, seine Brücken, Möbeln, Lampen, Geländer und immer funktionaler werdenden Lösungen wie der Postsparkasse (1903 - 1910) erst ab den 1960er Jahren.

Doch erst heute steht auch die Frage im Raum, wie viele der teils amateurhaften Fotografien von ihm selber gemacht wurden. Die in Privatbesitz befindlichen 83 Aufnahmen zeigen private Einblicke in seine Hütteldorfer Villa, auch den Garten mit posierender Familie, wobei der Freiraum sowie die Hygiene ein weiteres Thema waren.

Dabei kommt auch die berühmte gläserne Badewanne aus der Wohnung Köstlergasse, die vielen modernen Stoffdesigns und die ganze Stimmung der oft auch Gegenlicht nicht aussparenden Räume ins Spiel, die ihn wahrscheinlich nicht nur als Regisseur hinter der Kamera vermuten lassen. Einige schriftliche Notizen legen den Schluss nahe, dass das Foto-Konvolut aus seinem Nachlass teilweise aus Profiaufnahmen seiner Bauten besteht, aber sich gleichermaßen auch aus privaten Amateuraufnahmen zusammensetzt, bei denen er wohl auch selbst den Auslöser betätigte.

Diese spannenden Ergebnisse, die der Kurator der Schau, Andreas Nierhaus, mit Eva Maria Orosz und Rolf Sachsse seit den 1990er Jahren den Erkenntnissen Peter Haikos, beispielsweise in Sachen Fotos und Zeichnung zum Stadtmuseum aus den 1980er Jahren hinzufügte, sind nun auch in einem Katalog nachzulesen.