Man sieht nur mit

Er ist gar nicht da. Sondern im Netz. Terrakotta von Rosmarie Lukasser. - © Arnau Oliveras Seguí
Er ist gar nicht da. Sondern im Netz. Terrakotta von Rosmarie Lukasser. - © Arnau Oliveras Seguí

den Fingern gut

(cai) "CAN TOUCH THIS" steht auf der Tür der Galerie Steinek fast provokant. Man kann die Sachen angreifen? Ja eh. Aber darf man auch? Anscheinend. Obwohl das Bildmotiv, das den Clemens Wolf schon länger verfolgt (und wieder hat er es kreativ weiterentwickelt), eher abweisend ist: der Zaun.

Zäune markieren bekanntlich Grenzen, Reviere. Bis hierher und nicht weiter! Und bei elektrischen Zäunen nicht einmal bis hierher. Hunde heben ein Bein, Menschen bauen einen Zaun (und stellen dahinter oft trotzdem noch einen Hund hin). Okay, in seiner "Fliesenmalerei" ("Expanded Metal Tile Painting") nimmt der Künstler dem Zaun, dem Maschendrahtzaun, ohnedies das . . . Zäunische. Der strenge Raster löst sich auf, zerfällt dynamisch, zerfließt. Wobei Wolf das Drahtgitter beim Emaillieren als Schablone benutzt, vorm Brennen auf die Keramikfliesen drückt, die er zu größeren Bildern zusammenpuzzelt. Und die schwarzen Arbeiten? (Schwarzes Email auf schwarzem Ton.) Haben nicht bloß dem Tastsinn was zu bieten (diskrete Sinnlichkeit).

Alles sollte man sich dann doch nicht mit den Fingern anschauen. Nicht die "Expanded Metal Pigment Paintings". Dabei wüsste ich echt gern, wie sich dieses Powerblau anfühlt, das locker die Leuchtkraft von Yves Kleins patentiertem Blau besitzt. Da hat der Künstler das Drahtgeflecht zuerst in Öl und ins Pigment getunkt und nachher auf eine Aluplatte gepresst (und tüchtig nachbestäubt). Ob man das Blau verblasen kann, wenn man kräftig draufpustet? Abfärben tut es jedenfalls. Es verweist nämlich auf die Parallelausstellung in der Pariser Galerie Backslash: "Can’t touch this." Das Dürfen hat offenbar Grenzen. (Vor diesen empfindlichen Bildern hätte man vielleicht einen Zaun aufstellen sollen.)

silvia steinek galerie

(Eschenbachgasse 4)

Clemens Wolf

Bis 4. März

Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 15 Uhr

Mein Freund

Handy

(cai) Man fühlt sich ja inzwischen wie in einem Zombiefilm. Dauernd muss man irgendwelchen Untoten ausweichen, die mit gesenktem Kopf in der Gegend herumirren (oder man ist gar selber so einer und läuft gegen den nächsten Laternenpfahl). Aber die tun eigentlich eh nix. Die wollen nur spielen. (Mit ihrem Handy.)

Einer von denen kauert, schon halb verwest, in den Krinzinger Projekten auf dem Boden und wischt auf einem unsichtbaren Smartphone herum, auf seinem Freund Harvey, nein: Handy. Starrt hypnotisiert auf ein Licht. (LEDs. Die stecken ihm auch in den Ohren.) Okay, er ist aus Terrakotta und ein Werk von Rosmarie Lukasser, die ihn vom Terra Symposium in Kikinda, Serbien, mitgebracht hat: Annäherungen an ". . . bin im Netz 3.0/F1". Er ist im Netz, folglich nicht da. Und sein erdschwerer Körper (Terrakotta eben, "gekochte Erde") löst sich derweil auf, zerfällt durch die rohe Ästhetik sogar eindrücklicher als die früheren geisterhaft weißen Gipsfiguren. Der Mensch in der digitalisierten Welt. Das Rechteck (mit abgerundeten Ecken) von Apple löst in der Kunst Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat ab, jedenfalls widmet die Künstlerin dem kultisch verehrten iPhone eine Blattgold-Ikone. Internet, soziale und asoziale Netzwerke - Lukasser beleuchtet ein komplexes Thema wortwörtlich. In Leuchtkästen unter anderem. Denkt mit analogen Techniken über die Folgen der Digitalisierung nach. Einen Plan mit Unterseekabeln stickt sie aufs Papier. Und in einem Linolschnitt erzeugen unzählige weiße Linien, Tangenten eines gedachten Kreises, ein schwarzes Loch. Im Zentrum dieses Netzes mit 5776 Schnittpunkten herrscht also die totale Einsamkeit.

Die Ausstellung selbst ist ein Netzwerk. Überall Stromkabel. Und der Mensch sitzt zwar mittendrin (vernetzt und zugleich physisch isoliert), ist aber trotzdem nicht das Herz des Systems. Drückt man nämlich aufs unscheinbare Knopferl auf dem Boden (unter Leonardo da Vincis anatomischer Herzstudie), gehen sämtliche Lamperln aus. Eine gescheite Analyse mit künstlerischen Mitteln. Erhellend.

Krinzinger Projekte

(Schottenfeldgasse 45)

Rosmarie Lukasser

Bis 8. Februar

Mi. - Fr.: 15 - 19 Uhr

Sa.: 11 - 14 Uhr