Seit mehr als 20 Jahren wandert der niederösterreichische Künstler Michael Höpfner durch zivilisationsfernes Gebiet, das außer ihm nur Nomaden, Pilger, Militär, Goldsucher oder Bergarbeiter betreten. Nach den abgelegenen Alpentälern waren dies Flusstäler in Albanien, seit 2007 bereist er jährlich vor allem das Gebirgsplateau des Himalayas im nordwestlichen China. Die erste Reise von Lhasa aus über viele Pässe führte ihn in Tibets versteckte Gebirgstäler, seit damals bewegt er sich monatelang dort allein mit Zelt, Kamera und Tagebuch entlang von Karawanenrouten, da er deren Stationen für die Beschaffung von Essen nutzen muss, um nur mit Rucksack wandern zu können. Was er von den oft mehrmals begangenen Wegen voller Orte unspektakulärer Stille und Einsamkeit mitbringt, sind Serien von analogen Schwarzweiß-Fotografien, die er manchmal in Diakästen präsentiert, und Tagebuchnotizen. Digitale Fotografie würde Strom voraussetzen, auf den er verzichtet. Dazu kommen im Atelier angefertigte Zeichnungen, mit denen er eine Art innere Nachvermessungen seiner zu Fuß absolvierten Kreisläufe durch die Natur vornimmt.

Gehen als Entfremdung

Ganz anders als in der in den 1990er Jahren beliebten künstlerischen Methode des "Mapping" sind seine schwarzen und roten Linien assoziative Nachempfindungen der Pfade, keine wissenschaftliche Kartografie. Das Gehen als künstlerische Methode ist seit den 1960er Jahren durch Land-Art und Konzeptkunst sowie frühe Performance beliebt, dabei sind Christo (Javacheff), Dennis Oppenheim, Robert Smithson oder Wolf Vostell zu nennen. Doch sie alle, wie auch Richard Long und Walter de Maria, wollten der Natur mit ihren künstlerischen Arbeiten Veränderungen auferlegen. Das will Höpfner nicht, er hinterlässt so wenig Spuren wie möglich, seine Dokumentation hat keinen sozialen, zeitgeistig-gesellschaftlichen oder spirituellen Impetus wie die "künstlerische Forschung". Er will auch keine plakative Naturinszenierung, wie sie für falsche Idyllen oder als Pathosformeln den Tourismus befeuern.

Höpfner, der 2015 den Outstanding Artist Award der Kultursektion des Bundes zuerkannt bekam, präsentiert die Ergebnisse seiner letzten wochenlangen Märsche im Chang Tang Hochplateau bis Mai in der Landesgalerie in Krems unter dem Titel "Durchwanderte Kreisläufe". In Tibet gibt es Wege, die in versteckte Täler führen, welche bereits in der dortigen vormodernen Mythologie als "Drakyul" bezeichnet wurden. Dort ist der Schutz in Höhlen für die Menschen Thema, wenn sich die Natur gegen sie auflehnt. Die Erde wird dabei als ein Körper empfunden, in dessen warmem Gedärm man sich auch für tausend Jahre verstecken kann. Durch das Gehen, so heißt es hier im Gegensatz zur Denkart der europäischen Romantik, kann die Entfremdung zwischen Mensch und Natur wieder neu erfahren werden. Es ist ein Ausbrechen aus bestehenden Mustern in Gesellschaft und Kunst, ein Reduzieren auf einen gesteigerten Wahrnehmungszustand gegenüber Zeit, Raum, Distanz und Leere.

Die Serien von ruhigen Fotografien, oft in Blöcken mit den Notizen gehängt, zeigen Höpfners Zelt in Karen, vor Fels- und Steinformationen, in Sand oder Schnee, in Hochebenen mit Grasbüschel, Flechten oder Fetzenschnüren der Nomaden, zuweilen auch mit Gebetsflaggen behängt. Der größte Blickfang neben den Zelten ist das zerschlissene Fell eines getöteten Schneeleoparden, das von Wilderern an einem Flussufer hinterlassen wurde. Die fast unberührte Natur bietet keine romantischen Sensationen, doch gerade das Ausloten von schreiender Stille, in der ein solches Leopardenfell wieder die Fleckigkeit des Bodens annimmt, sobald sich die Ränder des Kopfes auflösen, stellt uns außerhalb aller Ideologien. Höpfner, der Bloßsteller aller asiatischer Bergsteiger-Exotik, studierte an der Akademie bei Birgit Jürgenssen Fotografie und ist seit 2011 daselbst Assistent in der Fotoklasse.