Die Gerade kratzt die Kurve

Hier hat der Peter Sengl aber ordentlich "geschielt". (Schiele, versenglt.) - © Galerie Gerersdorfer
Hier hat der Peter Sengl aber ordentlich "geschielt". (Schiele, versenglt.) - © Galerie Gerersdorfer

(cai) Alles klar. Denkt man jedenfalls, wenn man die Galerie Hubert Winter betritt. Schaut nach ganz normalem Minimalismus aus. Aber sobald man erfährt, woher der Richard Nonas den Titel für seine Ausstellung hat (aus "Finnegans Wake" von James Joyce) . . .

Kurze Schockstarre. Muss ich das Buch etwa vorher gelesen haben? Von dem kapier ich ja nicht einmal den ersten Satz! (Der noch dazu keinen Anfang hat. Weil er das Ende des letzten Satzes ist. Ein ewiger Kreislauf des Lesens und Nichtverstehens.) Und unübersetzbar ist der Roman sowieso. Okay, bei dem Teil, den sich der Nonas rausgepickt hat (gleich aus diesem ersten Satz), krieg ich‘s ungefähr hin: "swerve (of shore) to bend (of bay)" - der Schlenker (der Küste) bis zur Krümmung (der Bucht). He, gebogen ist die eindrucksvoll simple, strenge Installation ebenfalls. 82 Holzblöcke (identisch und trotzdem Unikate, weil das Holz arbeitet, lebt) stehen quasi Schlange (und immer wieder im Weg) und machen dabei eine sanfte Biegung, die beide Galerieräume elegant verbindet und also keine Schwellenangst hat. Zugleich eine fragile Grenze. (Wenn man beim Drübersteigen ein einziges Element umhaut, fallen dann alle um? Wie Dominosteine?) Eine Barriere, die zur bewussten Wahrnehmung des Raumes zwingt. Eine imposante Geste aus einfachsten Bausteinen, die das Raumerlebnis intensiviert oder den Raum überhaupt erst zum Erlebnis macht.

Trotz Küste und Bucht im Titel aber keine Landschaftsinstallation, auch wenn ein karger Galerieraum im Grunde nix anderes ist als eine Wüste, die hier skulptural urbar gemacht, zum "Ort" wird. Die intimen "Dreier" an den Wänden (je drei Stahlplättchen erzeugen einen "Rhythmus der kleinen Unterschiede") hätte ich da eigentlich gar nimmer gebraucht.

Klimt sehen und dann schielen

(cai) Andere Maler halten ihre Motive auf Papier oder Leinwand fest, der Peter Sengl muss immer gleich alles festschrauben. Selbst fremden Bildern dreht er genüsslich seine Schrauben rein (einem Picasso, Dalí, Miró . . .). Und das durchaus mit Empathie, wovon man sich derzeit in der Galerie Gerersdorfer überzeugen kann.

Natürlich geht er nicht auf die Originale mit dem Schraubenzieher los. Er ist ja kein Vandale. Und die Schrauben und sonstigen Piercings (oder radikaleren Body-Modifications) sind außerdem sowieso nicht echt. Bloß gezeichnet. "Zeus erklimt Danae" - nein, da fehlt kein zweites m. Das ist ein Wortspiel aus Gustav Klimt und "besteigen". (He, ist die Danae mit dem Goldregen eine Allegorie der Prostitution?) Viel Sengl ist in diesem Klimt aber eigentlich eh nicht drin. Schielen tut er jedenfalls stärker (der Sengl, nicht der Klimt). Beziehungsweise hat er den Schiele "versenglt". Mit zwei Tattoos und einem Reim: "Wird Schiele 2 Mal tätowiert - hat er sich zu mir verirrt." Obendrein hat er der Sitzenden, die ohnedies nicht aufstehen könnte, weil ihre Füße in der Vorlage nur angedeutet sind, Prothesen angepasst. Okay, eher welche für den Spitzentanz. Nicht, dass sie mit diesen "Messern" jetzt also standfester wäre. Dalís Heiligen Antonius hat der Dandy-Sadist, der sich lustvoll seine eigenen Märtyrer bastelt und ihnen dekorative Schmerzen bereitet, sogar emanzipatorisch von seinem Geschlecht und vom Kreuz befreit. Dafür hat er der Antoni-a dann zwei Meganägel in die Hände geschlagen (autsch!).

Das mit der Auseinandersetzung, das nimmt der gebürtige Steirer mitunter sehr wörtlich. Den Teil mit dem Setzen. Wenn er sich kurzerhand auf die Meisterwerke draufsetzt. Als "Besitzer" quasi. (Oder als Besatzer?) Sich nämlich als (sitzenden, angeschraubten) Fremdkörper mehr drauf- als hineinmalt. Auf Gauguins Südsee im passenden Hawaii-Hemd. (Oder Tahiti-Hemd?) Eine originelle Form des "Kunstdiebstahls". Sengls Bilder sind zwar noch immer (erotisch sinnliche) strenge Kammern, aber der Meister der Schrauben ist auf seine alten Tage (am 4. März wird er 75) eindeutig ein milderer Folterknecht geworden.