Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens" heißt es bei Rainer Maria Rilke, aber die poetischen Kommentare zu den meist großformatigen Gemälden von Herbert Brandl in einer Retrospektive des Belvedere 21 stammen von Christoph Ransmayr. Mit dem Dichter teilt Brandl seine Liebe zu den Bergen, das Bergsteigen ohne Tourismushorden - sein Mount Everest bleibt namenlos und leer, ohne Trampelpfad und Umweltprobleme. Die Bilder sind daher alle titellos, nur am Cover des Katalogs kommen flüchtige Angaben über Themenkreise, die den Besuchern die letzten 20 Jahre des "Ausgesetztseins in der Malerei" vorführen. Dabei ist der Anklang von Gegensätzen wie "Apokalypse zur schönen Aussicht" und eine ironische Bezeichnung "Homelandjoe" für einen gezeichneten Cowboy neben dem einleitenden Textblock, typisch für die Generation der sogenannten Neuen Wilden.

Böse Begleiter

Ausschnitt aus Herbert Brandls titellosem Werk aus dem Jahr 2005. - © Bärbel Grässlin/W. Günzel
Ausschnitt aus Herbert Brandls titellosem Werk aus dem Jahr 2005. - © Bärbel Grässlin/W. Günzel

Ironie und Kitsch waren die bösen Begleiter in der Anfangsphase Brandls als Maler an der Hochschule für angewandte Kunst ganz contra seine Lehrer Herbert Tasquil und Peter Weibel. Ersterer war ein Verfechter der Abstraktion in Folge von Kinetismus, Bauhaus und Konkreten, Weibel wies den Weg in die Neuen Medien und machte auf den "performative turn" aufmerksam. Malen galt als passé, indes trat 1978 Joseph Beuys an der Angewandten auf.

Doch die Resistenz gegen zeitgeistige Konzept-Installationen war bereits von der Gruppe der "Wirklichkeiten" vorgegeben. Denn schon 1971 hatte Peter Pongratz einen Ausflug in ironischen "Alpen-Pop" gemacht und der neuen Generation, neben Brandl Hubert Schmalix, Alois Mosbacher und Siegfried Anzinger, mit seinen Bergen, Hirschen und Schutzengeln gezeigt, dass auch die Avantgardegalerie nächst St. Stephan und die Neue Galerie in Graz Blicke in die Zukunft der Malerei wagten. Bald traf sich Brandl mit Gleichgesinnten in Peter Pakeschs Galerie in der Ballgasse, wo auch die Skulptur eines Franz West und das Dilettieren in Sachen Popmusik angesagt war - wenigstens in diesem Punkt waren die Jungen und Peter Weibel sich einig.

Die Erfolgsgeschichte der wilden Malerei-Jahre setzte sich fort: von Secession, bekannten Galerien bis ins Kunstforum und Museen auch in Deutschland. Zudem kamen die Bergbilder 2007 im österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu Ehren. Seit 2012 hat es keine Brandl-Retrospektive mehr gegeben und zur Symbiose von Malerei und Ransmayr-Texten kommen einige Skulpturen, katzen- und fuchsartige Wesen, aber auch Drachen und ein Gorilla, Mischlinge zwischen harmlosen Kaminhockern und postapokalyptischen "Urtieren", die Brandl erstmals präsentiert. Auch in der Malerei tauchen sie neben Blumenstücken auf, die im Fall des Mohns sogar an Anselm Kiefer denken lassen. Es ist Kitsch und Kritik, vor allem was die Zerstörung der Naturräume durch den Menschen betrifft: Da blähen sich sogar schöne Gänseblümchen und Stiefmütterchen heftig auf. Brandl hat als Umweltaktivist für das steirische Sulmtal gekämpft und tritt somit auch mit seiner Malerei, ganz heutig, als Naturschützer auf.

Farben wie Flammen

Dazu hat der Kurator für die Malerei des 19. Jahrhunderts, Rolf H. Johannsen, ausgelotet, wie es sich mit der Bezeichnung "romantisch" zu Brandls Gemälden in Zeiten von Raubtierkapitalismus und neuem Kaminbild wirklich verhält. Er ruft die abstrahierten Landschaften Caspar David Friedrichs auf, da meistens auch menschenleer, was damals von Kollegen kritisiert wurde, aber auch den "Schmadribachfall" Joseph Anton Kochs als Vorfahr von Brandls Bildfamilie der Gebirgsbäche. Was das eigens für die Stirnwand gemalte Triptychon rot dominierter Pinselhiebe auf 18 mal 3,90 Meter betrifft, ist Claude Monet mit seinen späten Brückenbildern aus dem Garten von Giverny auch nicht so fern.

Aber um nicht nur "retro" zu denken, kam die Assoziation zu den Bränden in Australien beim Aufbau. Farbe wie Flammen als Zukunft der Malerei? Schmalix’ Mühlen am Bach, hier die Wasserfälle und ein Neu-Heroisches, das sich ganz einfach auch wieder als Farbexplosion und Metamalerei - einer Malerei über die Malerei - wiederfindet. Schwarze Romantik war auch schon.