Grobe Linien durchziehen das Bild, durchscheinende Flächen deuten den Oberkörper einer jungen Frau an. Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kleid. Auch der schwarz schraffierte Hintergrund wirkt wie bloß skizziert. Fast meint man, kubistische Formen vorauszuahnen. Die Schärfe verdichtet sich im oberen Drittel. Im Brennpunkt der düsteren Tusche- und Kohlearbeit: das Gesicht der jungen Frau, genauer ihr linkes Auge. Maskenhaft sticht das weiße Gesicht aus der düsteren Flächigkeit heraus.

Der Blick ist nicht direkt auf den Betrachter gerichtet, vielmehr stiert er konzentriert und doch erschöpft an ihm vorbei. Vieles bleibt schemenhaft in diesem "Portrait einer jungen Frau" von 1889. Und doch eröffnet es den ungeschönt präzisen Blick in das Seelenleben dieser namenlosen Frau.

Konzentrierte Suche nach Authentizität

Nicht idealisierend, nicht idealistisch: Leibls Blick auf seine Modelle. "Dreiviertelfigur eines sitzenden Bauernmädchens", um 1897. - © Albertina, Wien
Nicht idealisierend, nicht idealistisch: Leibls Blick auf seine Modelle. "Dreiviertelfigur eines sitzenden Bauernmädchens", um 1897. - © Albertina, Wien

An der gegenüberliegenden Wand: ebenfalls eine junge Frau. Auch "Das Mädchen mit der Nelke" von 1880 blickt zur Seite, auch ihr Porträt erhellt einen flächigen dunklen Hintergrund. Doch das Ölbildnis ist in realistischer Genauigkeit ausgeführt, jede Stofffalte, jedes Haar plastisch. Wäre da nicht dieser ungeschönte Blick, man könnte das Gemälde samt der feinen Wächsernheit der Züge in einen Saal Alter Meister hineindenken.

Was diese beiden Bilder trotz stilistischer und technischer Kontraste vereint, ist die darin spürbare fieberhaft konzentrierte und doch zurückgelehnt unaufgeregte Suche ihres Schöpfers Wilhelm Leibl nach Authentizität, wie wir es heute nennen würden. Die Albertina widmet dem deutschen Künstler eine aus dem Kunsthaus Zürich nach Wien gereiste Schau, in der die kontrastreichen Facetten des Malers und Zeichners anschaulich werden.

Ein konzentrierter Blick am Betrachter vorbei: Wilhelm Leibls "Portrait einer jungen Frau" aus 1889. - © Privatsammlung New York
Ein konzentrierter Blick am Betrachter vorbei: Wilhelm Leibls "Portrait einer jungen Frau" aus 1889. - © Privatsammlung New York

Das Wahre, so lässt sich auf jedem der rund 60 Zeichnungen und Gemälden der Schau nachvollziehen, war stets das, wonach Leibl künstlerisch gesucht hatte - mit seinem nie idealisierende Blick auf den Alltag, auf die Seelenessenz einer Figur jenseits von Inszenierung und Stilisierung.

Dass das Wahre und Schöne nicht zwingend ineinanderfallen, konnte der 1844 geborene Maler an der Reaktionen mancher Zeitgenossen auf seine Werke erfahren. In Leibls Antwort an sie steckt mehr Sozialkritik als in seinen Bildern: man sei es schlicht nicht mehr gewohnt, etwas Wahres zu sehen. Eine Gegenwartsanalyse, die den 1900 bei Würzburg verstorbenen Künstler direkt in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts katapultiert.

Das Bildnis "Die Dorfpolitiker" entsteht 1875 in sechsmonatiger Arbeit in Unterschondorf am Ammersee. - © SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)
Das Bildnis "Die Dorfpolitiker" entsteht 1875 in sechsmonatiger Arbeit in Unterschondorf am Ammersee. - © SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)

Die Schau in der Albertina illustriert das dem Realimus verbundene Wahrhaftigkeitsstreben Leibls entlang prägender Stationen: die ersten Erfolgen seiner Münchner Studienzeit mit "Weißbärtiger Mann", ein kontrastreiches Porträt, das die Essenz von Lebenserfahrung und Müdigkeit des Alters einfängt; die von Gustave Courbet und einem Paris-Aufenthalt geprägten Werke, die impressionistische Anklänge aufweisen; sein Spätwerk, das er in aller Zurückgezogenheit des bäuerlichen Milieus schuf. Ein Hauptwerk dieser Zeit "Die Dorfpolitiker" illustriert dabei ebenso Leibls unermüdliche Bestrebungen, Menschen in ihrer angestammten Umgebung zu zeigen, wie die Serie mit oft skizzenhaft anmutenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Bauernmädchen am Spinnrad und in der Küche oder die detailgetreu in Öl ausgeführten "Spinnerinnen".

Der präzise, nüchterne, aber nie wertende Blick in die Seelenwelten seiner Modelle, hat viele Künstler bis in die Gegenwart inspiriert und Leibl zu einem "Künstler für Künstler" werden lassen. Nicht zuletzt die vielen Anknüpfungspunkte innerhalb seines und an sein Werk machen die Wiederentdeckung dieses Naturforschers mit dem Pinsel lohnend.