Ausstellungszentrum und Foyer im Ringturm hat Boris Podrecca 1995/97 gestaltet. Nun findet hier seine zweite Personale statt und gibt mit etwa 30 Bauten einen Einblick in die rezenten Projekte wie Wettbewerbe, Um- und Neubauten sowie Aktuelles - immer auch verbunden mit theoretischen Schwerpunkten, zudem mit einem kleinen Raum voller Zeichnungen zu venezianischen Projekten neben Fotos und Modellen. Der agile 80-Jährige hat mit seinen Reisen quer durch Mitteleuropa enorm zu tun, vor allem von Belgrad bis Meran, Graz und München. Aber auch Paris, Kleve und China rufen. Bis 2006 Professor der Universität Stuttgart erklärt er die dortige Bautradition als wichtig für ihn, wie in seiner Ausbildung vor allem ein Bauhausschüler am Gymnasium von Triest und Städteplaner Roland Rainer an der Wiener Akademie als Lehrer auf Podrecca Einfluss hatten.

Der dritte Weg

Boris Podreccas Kirche und Gemeindezentrum Pentecoste in Mailand (2016). - © Cecilia Castelletti
Boris Podreccas Kirche und Gemeindezentrum Pentecoste in Mailand (2016). - © Cecilia Castelletti

Trotzdem geht er konsequent zwischen der weißen, klassischen Moderne und der ihm zu beliebigen Postmoderne einen dritten Weg. Podrecca war immer Anhänger der Bekleidungstheorie von Gottfried Semper und nicht der strengen Formanalyse Alois Riegls. Deshalb sind Materialien, Polychromie und vielstimmige Strukturen seiner Gebäude und Plätze für ihn wichtiger als das Bauskelett - den heute verbreiteten exaltierten Personalstil von Architekten lehnt er ab. Er spricht bei "Bekleidung" der Gebäude ironisch von der Franziskanerkutte oder dem Jesuitengewand, je nach Investitionswillen eines Bauherrn. Ohne Scheu verweist er kritisch auf Aufträge mit billigen Fassaden wie den 2019 fertiggestellten Austria Campus im Prater im Gegensatz zu anspruchsvollen Wohnbauten auf der Giudecca in Venedig 2003 oder jenen, die er 2010 für Ljubljana oder 2009 für Zagreb bauen konnte. Der Einsatz lokaler Steine, Hölzer, aber auch die Begrünung sowie Brunnen sind ihm wichtig, dazu kommt die warme Farbe Rot. Es sind aber auch Kontraste mit Blau, Grün und Gelb zu finden, wie in privaten Häusern, in Schulen, Ausstellungsräumen oder in seinem Unicampus Biocenter in der Wiener Viehmarktgasse.

Mit Wien hat Podrecca trotz Großbauten für Universität, Versicherungen und Wohnen, wichtige Museumsumbauten im Augarten oder dem Dommuseum, immer wieder Schwierigkeiten und bezeichnet den nicht fertig ausführbaren, aber gewonnen Wettbewerb Praterstern als seine größte Niederlage. Die über 30 Platzgestaltungen von Piran, Triest, Verona, St. Pölten oder Leoben sind eine Art "Stadtreparatur" (Friedrich Achleitner) für die Menschen. Podrecca meint, seine neuen Böden, Brunnen, Glasdächer hätten den Praterstern von seiner Beserlpark-Trostlosigkeit mit nötiger Kontrolle befreien können.

Es ist die Sinnlichkeit und ein ihm von allen Theoretikern zugeschriebenes mediterranes Temperament, das ihn zu einem der erfolgreichsten Architekten Europas macht. Er beruft sich auf Adolf Loos, Frederick Kiesler oder auch die Otto-Wagner-Schule mit Josef Plečnik, orientiert sich jedoch ähnlich Rainer an Lichtführungen und Lösungen orientalischer Baukunst und damit wird er nie puristisch, sondern versucht, Orte zu nobilitieren.

Die Einfügung seiner Bauten in die Umgebung sind mit dem virtuosen Carlo Scarpa vergleichbar. Intensive Untersuchungen gehen dem Bau voraus, er nennt es seine Ethnologie. Architektur verdichtet polyfon und repariert, wo eine Struktur bereits zerstört ist. Hochhäuser, wie der Millenniumstower mit Gustav Peichl und Rudolf F. Weber, bekommen von ihm eine horizontale Verankerungsachse im Bezirk verpasst, wie ein Muskel in einem Stadt-Körper, und wenn es um Hotels wie das Punta Skala Resort im kroatischen Zadar (2011) geht, sind auch Meereswogen formal einbezogen. Das vermitteln der großzügige Schwung der Anlage und das Blau der Verglasung. Otto Kapfinger lobt diese dialogfreudige Bezugnahme auf Orte und Menschen des Architekten, der immer mit polyfon klingenden Akzenten komponiert und in jedem Katalog Ausschnitte seiner wichtigen Texturen zusammenfasst: Das sind vorzugsweise besondere Stiegen- und Geländer-Lösungen, Farben und Materialwechsel, Fenster- und Deckenöffnungen, aber auch Steinböden, Bänke und Wasserskulpturen.

Option Bildhauer

Bevor der in Belgrad geborene, in Mostar und Triest aufgewachsene und in Wien nach seinem Studium bis heute lebende, jedoch meist außerhalb arbeitende Podrecca sich für die Architektur entschied, war die Bildhauerei eine Option, dies ist spürbar geblieben. Joseph Beuys gab Hans Hollein das Prädikat, ein Künstler und nicht nur Architekt zu sein, das kann auf den Jubilar locker übertragen werden.