Der Schweizer Glasmaler und Kupferstecher Urs Graf galt durch eine von ihm selbst gesetzte Vordatierung lange als Erfinder der Radiertechnik, doch dem ist nicht so, wie in einer Ausstellung über die frühe Radierung in der Albertina zu erfahren ist. Kurator Christof Metzger hat schon 2009 ein Buch zu Daniel Hopfer publiziert, der tatsächlich der Erste gewesen sein dürfte, der aus den Verzierungen von Waffen zum Experiment eines Drucks einer Eisenradierungsplatte auf Papier vorgedrungen ist. Das passierte in Augsburg, der Heimat vieler Waffenschmiede, wo Harnische, Gewehre oder eine Rossstirn (der Kopfharnisch des Pferdes) mit eingeätzten Ornamenten verziert wurden.

Von diesen Ornamenten und künstlerischen Darstellungen auf Prunkharnischen hat offenbar der Künstler das Experiment gewagt, die Übertragung auf eine Platte zu versuchen, um dann mit Farbe einen Abdruck zu bekommen, der vervielfältigbar war wie zuvor auch Holzschnitt oder Kupferstich.

Künstlerische Handschrift

Angiolo Falconettos "Meergötter", ca. 1550-1565. - © The Metropolitan Museum of Art, New York
Angiolo Falconettos "Meergötter", ca. 1550-1565. - © The Metropolitan Museum of Art, New York

Hopfers frühe Blätter wurden an Wallfahrtsorten verbreitet, davon ist nur eines in der Pinakothek in Bologna vor 1500 datiert, ein weiteres mit einem Schmerzensmann stammt aus der Albertina, wie dann auch die späteren "Engel mit dem Schweißtuch Christ", die bereits eine Ausweitung von der Radiernadel auf einen Pinsel in einer Variante zeigen. Dabei hat der Künstler mit Säure lavierend die Linien bemalt und damit eine weichere Wirkung erzielt.

Neben vielen Ornamenten mit Grotesken zu Bildnissen und Andachtsblättern gibt es auch zwei eitle Damen mit Tod und Teufel, ein moralisches Blatt, das uns heute eher witzig erscheint, in fortgeschrittener Radiertechnik um 1510/15. Es kommt aus dem Metropolitan Museum in New York, mit dem die Schau in Koproduktion konzipiert wurde.

Juste de Justes "Menschenpyramide", ca. 1545. - © Albertina, Wien
Juste de Justes "Menschenpyramide", ca. 1545. - © Albertina, Wien

Die Radierung war im Gegensatz zu stärker vom Handwerker abhängiger Kupferstich- und Holzschnitttechnik, bei der Spezialisten die Zeichnungen der Künstler akribisch auf Metall oder Holz übertrugen, dazu geeignet, die künstlerische Handschrift mit der Radiernadel direkt aufzunehmen.

Künstler, die nicht wie Albrecht Dürer oder Hopfer auch das Metallhandwerk beherrschten, konnten hier ihren persönlichen Stil zum Ausdruck bringen. Zuerst arbeiteten sie mit Essigsäure-Ätzung in Eisenplatten, später, als die Salpetersäure aus Südamerika nach Europa kam, so ab 1520, auf Kupferplatten, denn diese haben den großen Vorteil nicht zu rosten, je länger die Platte beansprucht und Feuchtigkeit ausgesetzt wird.

Dieses frühe Experimentierfeld ermöglichte den Künstlern größere Unabhängigkeit von Auftraggebern, selbst Dürer finanzierte als Eigenunternehmer seine niederländische Reise mit Verkauf von Radierungen und Platten, "geätzte Stück", nannte er es in seinem Tagebuch. So kam die Technik in die Niederlande, wo sie von dem mit ihm bekannten Lucas van Leyden allerdings wieder mit Kupferstichtechnik kombiniert und viel mehr ins Handwerk übertragen wurde.

Doch es gab auch freiere Interpreten. Deutschland war führend in der frühen Radierung und auch die Italiener übernahmen die Radiertechnik von ihnen - wie Sebastiano de’ Valentinis von Albrecht Altdorfer die reine Landschaftsdarstellung. Davor hatte Dürer in seiner "Landschaft mit Kanone" 1518 das neue Genre angedacht, es wirkte weiter bis in die einzige Radierung Pieter Bruegels d. Ä. "Die Hasenjagd" 1560. Ein Großunternehmer in Sachen Radierung und Kupferstich wurde neben den Bruegels etwa Hieronymus Cock.

Ein eigener Raum mit Radierungen des Manieristen Francesco Parmigianino (1503-1540), der sich nach dem Sacco di Roma in Bologna drei Jahre 1527/30 auf besondere Weise mit Radierung auseinandersetzte, bringt Blätter aus Amerika, England und Italien ergänzend nach Wien, wobei die große Grafiksammlung 80 Prozent der Schau abdeckt und mit Menschenpyramiden von Juste de Juste um 1545 oder Landschaften von Angiolo Falconetto ergänzt.