Die etwas breiteren Freiräume im 20. Jahrhundert waren nicht die Künstlerateliers, sondern die Kabaretts, Cafés und Nachtclubs, die etwa von 1880 bis 1960 in einer mit dem Londoner Barbican Art Center zusammen konzipierten Ausstellung im Unteren Belvedere bis zum Sommer eingezogen sind. Teils sensationell rekonstruiert, manchmal nur nachempfunden oder in Form von Archivmaterial, Fotos, Filmen und Kunstwerken wieder sichtbar gemacht. Das Thema wird nicht chronologisch abgehandelt: Das Büro Caruso St. John Architects hatte die schwere Vorgabe, den Stil des Brutalismus in ein barockes Gebäude einzubauen. In der Orangerie gelingt das natürlich problemlos mit dem Café L’Aubette in Straßburg, das Theo van Doesburg mit Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp als Café mit Kinoleinwand entwarf. 1921 lief da Hans Richters konkreter Film "Rythm 21", ein Vorbild bis in den fortgesetzten Kinetismus nach 1945.

12 Städte - 12 Stationen

12 Stationen und damit 12 Städte weltweit: Erstmals greift ein Thema das internationale moderne Denken auf. Nigeria, Mexiko und der Iran sind neben New York und den Hauptstädten Europas von Berlin, Rom, Paris, London bis Wien zu finden.

"Damenkneipe"  von Rudolf Schlichter, 1925. - © akg-images/Viola Roehr v. Alvensleben
"Damenkneipe"  von Rudolf Schlichter, 1925. - © akg-images/Viola Roehr v. Alvensleben

Die erste Nachthöhle, die als Geburtsort eines alternativen Lebensstils gilt, war das Chat Noir in Paris, bekannt durch seine Plakate, aber auch ein Schattentheaterstück mit wunderbaren Figuren, die von Henri Rivière und Henry Somm an die Wand gespielt wurden - aktuell fühlt man sich wohl bei den kreisenden Urahnen von Kara Walker und William Kentridge. Die Tänzerin Loïe Fuller trat dort wie auch im Folies Bergère ab 1880 auf mit ihrem legendären Schleiertanz, den Henri de Toulouse-Lautrec auf Papier bannte als nahezu abstrakte Farbsymphonie.

Die Nachbildung der Wandbemalung von Uche Okeke für den Mbari Artists and Writers Club im nigerianischen Ibadan (1961) - © Centre for Black Culture and International Understanding, Osogbo, Oshun State, University of Bayreuth
Die Nachbildung der Wandbemalung von Uche Okeke für den Mbari Artists and Writers Club im nigerianischen Ibadan (1961) - © Centre for Black Culture and International Understanding, Osogbo, Oshun State, University of Bayreuth

Solche Farbenpracht existierte auch im Wiener Kabarett Fledermaus in Form künstlerischer Kacheln. Es nahm 1907 in der Kärntner Straße seinen Betrieb auf, um darin Tanz, Musik und Literatur als Gesamtkunstwerk zu vereinen.

Cosima Rainer vom Archiv der Universität für angewandte Kunst hat mit Kuratorin Florence Ostende mit einem besonderen Forschungsprojekt geschafft, was viele schon vorher andachten: Auf der Basis eines schwarzweißen Fotos und mit Hilfe von Keramikspezialisten gelang die Rekonstruktion des von der Wiener Werkstätte unter Michael Powolny geschaffenen Kabarettraums.

"Chansonette" von Erna Schmidt-Caroll, 1928 - © Nachlass Erna Schmidt-Caroll
"Chansonette" von Erna Schmidt-Caroll, 1928 - © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

1916 wurde dann in Zürich das Cabaret Voltaire gegründet, das heute noch existiert, allerdings wurde aus der rauchigen Theaterhöhle für die Stegreifstücke der Dadaisten, die noch die "Wiener Gruppe" 1950 faszinierten, eine normale Bar. Ehedem wirkte sie aber bis Rom, wo die Futuristen Giacomo Balla und Fortunato Depero den Nachtclub Tic Tac und das Cabaret Diavolo entwarfen. Die Hölle und der Teufel waren spannender und passender zur Nachthöhle, aber auch die Frauen durften vor allem in Wien und Berlin nach Erlangung des Wahlrechts endlich frei kreativen Tätigkeiten nachgehen als Sängerinnen, Tänzerinnen und Malerinnen.

Verschleifung der Geschlechter

Künstlerische Kachelfarbenpracht à la Kabarett Fledermaus in der Ausstellung im Unteren Belvedere. - © Belvedere Wien (Foto: Johannes Stoll)
Künstlerische Kachelfarbenpracht à la Kabarett Fledermaus in der Ausstellung im Unteren Belvedere. - © Belvedere Wien (Foto: Johannes Stoll)

Auch als Besucherinnen der frühen Performances entwarfen sie eine völlig neue Mode: Kurzhaarschnitt und Männerkleidung führten zu einer Verschleifung der Geschlechter, und es gab auch Damenkneipen, wie sie Rudolf Schlichter malte. Nach ihnen malten Max Beckmann und George Grosz ihre beißende Karikaturen der Gesellschaft der Weimarer Republik. Der amerikanische Jazz hielt Einzug, die Clubs in Harlem, New York engagierten sich schon zwischen 1920 und 1930 im Kampf gegen den Rassismus. Ein späteres Kapitel betrifft das 1960 befreite Nigeria, wo sich postkolonial die Mbari Mbayo Clubs in Ibadan und Oshogbo für Künstler, Literaten und Tänzer entwickelten. Die Fassadengestaltung stammte von Susanne Wenger, Art-Club Mitbegründerin in Wien, die 1950 mit Ulli Beier nach Afrika auswanderte und in diesen Clubs die New Sacred Art-Gruppe aus Workshops heraus entwickelte, mit der sie die Heiligen Haine in Oshogbo in wilder Mischung afrikanisch-europäischer Avantgarde wieder aufbaute, deren Architektur und Skulpturen 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurden.

Die Clubs von Teheran

In der Schau geht es also nicht zuletzt um Orte, die ihrer Zeit voraus waren. Da lässt sich viel Neues erfahren, nicht nur durch die vielen beteiligten Künstlerinnen, sondern auch in den Experimenten, die, grenzenlos und alle Tabus ausschaltend, brodelnde Labors für alle Künste bildeten. So war auch der zeitlich letzte Club der Ausstellung im vorrevolutionären Teheran angesiedelt: Er hieß Rasht 29 und existierte von 1966 bis 1969. Aus den Roaring Twenties blieb der Multikulturalismus, sonst hielt durch die politische Gegenwart im Schah-Regime die von den Hochschulen ausgehende linke Bewegung einen eigenen Kunstmarkt aufrecht. Er zog auch Sammler an. Die Musik von Janis Joplin und Led Zeppelin mischte sich mit iranischer Avantgarde, doch spielten auch Straßenmusiker in der von Architekten, Malern und Literaten dominierten Szene. Die Studentenbewegung galt nach der Revolution als unerwünscht elitär. Heute indessen gibt es wieder Freiräume in Privatclubs nach Vorbild des Rasht 29.