Die Affinitäten zwischen Friedensreich Hundertwasser (Fritz Stowasser: 1928-2000) und Egon Schiele (1890-1918) sind größer als gedacht. Verbindungslinien ergeben sich nicht nur aus den Spiralen als Grundform in der Kunst, sondern auch aus der Philosophie der Lebensreform.

Naturmystik in Farbe: Friedensreich Hundertwassers "Le grand chemin", 1955. - © AG, Glarus, Schweiz,
Naturmystik in Farbe: Friedensreich Hundertwassers "Le grand chemin", 1955. - © AG, Glarus, Schweiz,

So gesehen sind beide Künstler nach wie vor brandaktuell, vor allem im Denken über Gesellschaft und Ökologie. Abzulesen ist dies in beider Naturmystik, die sie inhaltlich und formal in ihren Werken verwoben haben. Kein Zufall also, dass der 40 Jahre jüngere Hundertwasser schon in seiner Art-Club-Zeit auf seinen ersten Reisen nach Paris immer Schiele an erster Stelle als Vorbild nannte, erst danach kam Paul Klee, kamen der gemeinsam verehrte Vincent van Gogh und Gustav Klimt. Von Letzterem habe er die Liebe zum Ornament (damit auch zum Japonismus im Jugendstil), mit Schiele teile er aber die Melancholie, hat Hundertwasser notiert.

Friedensreich Hundertwasser: "Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles", 1965. - © Leopold Museum/Manfred Thumberger/Namida AG, Glarus Schweiz
Friedensreich Hundertwasser: "Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles", 1965. - © Leopold Museum/Manfred Thumberger/Namida AG, Glarus Schweiz

Archaische Symbolik

Beide sind als treibende Kräfte der Avantgarden ihrer Zeit mit 170 Werken (dabei fast doppelt so viele von Hundertwasser als von Schiele) in der Ausstellung "Hundertwasser - Schiele. Imagine Tomorrow" im Leopold Museum in einen Pas de deux eingespannt, den Kurator Robert Fleck theoretisch an Werner Hofmanns Goya-Ausstellung "Traum und Traumata" in Hamburg 1980 orientiert sieht.

Das Bild "Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles" von 1965 und die vielen Archivalien zeigen klar: Schiele steht in Hundertwassers Briefen und Notizbüchern an erster Stelle, und natürlich ist dabei der Melancholie-Aspekt des einsam leidenden, zu wenig anerkannten Künstlers mit gemeint, wie ihn die Warburg-Schule für Michelangelo beschrieb: "Born under Saturn" von Robert Wittkower erschien 1963 - das Genie sieht sich dem konfliktreichen Saturn im Kosmos zugeordnet, aus dem es zweischneidige Impulse bezieht. Diese Impulse gehen bei Hundertwasser und Schiele vorwärts und zurück in die archaische Symbolik seit den künstlerischen Anfängen der Menschheit - dazu gibt es neben der Spiralform von beiden erstaunlich viele Beiträge, die bis heute unbekannt waren.

Ein Kapitel widmet sich dem prophetenhaften Blick, den die beiden narzisstisch die eigene Person stilisierenden Künstler in Richtung einer Gesellschaftsreform durch die Kunst hatten. Da stellt sich heute gerade in Wien eine negative Rezeption von Hundertwassers spätem Werk seit 1977 in den Weg, wie Bazon Brock betont. Deshalb hat er als früher Weggefährte Hundertwassers an der Kunsthochschule in Hamburg für die Schau eine wichtige gemeinsame performative Arbeit mit Studierenden der Angewandten wiederholt: die von einem Skandal begleitete "Linie von Hamburg", die dem Gastdozenten Hundertwasser 1959/60 von der Hochschulleitung untersagt wurde.

Die beiden bemalten mit Herbert Schuldt und Studierenden einen Raum voll mit Endloslinien, die lebendig gewellt rundum und vielfach wiederholt bis fast zur Decke reichten - und auch gegen die geraden Linien der Stacheldrähte der Konzentrationslager gerichtet waren. Auf einem Foto zeigt Brock während der Arbeit 1959 Fotos davon mit einem darin hängenden toten Gefangenen. Dieser Aspekt in der Schau zeigt den hochpolitischen Künstler Hundertwasser.

Allen bekannt ist dazu neben den vielen Selbstbildnissen, die anfangs ganz stark an Schiele angelehnt sind, die "Nacktrede" Hundertwassers in München und danach noch einmal in Wien vor einer Ministerin, dabei ging es um das "Verschimmelungsmanifest", das eine menschliche Architektur statt der seelenlosen Plattenbauten der Nachkriegszeit forderte.

Seelenporträts

Aber neben körperbetonten Formen, Inhalten und Kompositionsprinzipien sind die Farben ein kaum bekannter gemeinsamer Faktor, auch Schiele nannte seine Stadtansichten Seelenporträts, wie im Fall von Krumau. Daher ist in vielen der Landschaften und Veduten auch zu sehen, dass beide Künstler oft kartografisch aus dem Kosmos von oben auf ihre Motive blickten. Gesichter und menschliche Figuren lösen sich oft bis zur Abstraktion in der sie umgebenden Natur auf, bei Hundertwasser wie bei Schiele können Augenpaare dominant bleiben. Es ist nicht erstaunlich, dass der Schiele-Sammler Rudolf Leopold auch 40 Gemälde und mehr als 190 Papierarbeiten von Hundertwasser kaufte. Dadurch ist der Letztere hier ohnehin sehr präsent, nun verstärkt um Leihgaben aus wichtigen Museen wie Guggenheim und Centre Pompidou. Auch die Schwierigkeit, beide Künstler nach langer Verkennung neu zu positionieren, ist ein nicht unwichtiges Kapitel. Zudem gibt es Verbindungen beim Thema der phobischen Abneigung avantgardistischer Künstler in ihrer Zeit, obwohl sie an der Bewahrung des Planeten gearbeitet haben. Was die Schau sofort klar macht: Diese Gegenüberstellung war längst fällig.