Viel 1D macht aus 2D 3D

Eine einzige Linie reicht ihm schon, dem Martin Tardy, um einen Menschen zu erschaffen. - © Martin Tardy/Galerie Ernst Hilger
Eine einzige Linie reicht ihm schon, dem Martin Tardy, um einen Menschen zu erschaffen. - © Martin Tardy/Galerie Ernst Hilger

(cai) Um den Raum geht’s offensichtlich. Aber nicht um irgendeinen. Um den "DaZwischenRaum". Oder wie muss man diesen Ausstellungstitel lesen? Dazwischen Raum? Da (= der) Zwischenraum? Und wodazwischen überhaupt?

In der artmark galerie befindet sich jedenfalls jede Menge Raum zwischen den Wänden. Auf den Wänden allerdings drückt er sich zwischen diesen eindimensionalen Dingern herum: den Linien. Und die zeichnet der Franz Riedl mit dem Messer. Ordnet die Schnitte zentralperspektivisch zu komplexen räumlichen Illusionen und 3D-Effekten. Und immer wieder drückt er den mit mathematischer und chirurgischer Präzision eingeschnittenen weißen Karton ein bissl raus oder rein und fixiert alles aufwändigst an der Rückseite. ("Hinten ist die tatsächliche Arbeit.") Imposant unaufdringliche Bühnen für das diskrete Spiel von Licht und Schatten. Die etwas gröberen, rohen Reliefs aus Gips (Übersetzungen der "Papierreliefs" in ein anderes Material) können da in puncto Raffinesse freilich nicht vollauf mithalten.

Linien auf der Flucht: Die Wandinstallation "Horizont" besteht natürlich nicht einfach aus einer waagrechten Linie. Nein, da laufen die weißen Kartonstreifen, die aus dem Realraum in den Schein flüchten, gleich auf zwei Fluchtpunkte zu. Irritieren gekonnt unterschwellig. Zwei Perspektiven, überlagert zu einer zwiespältigen Landschaft. Fotografierte Ordnungen und Muster, etwa von Fassaden, setzt Riedl auch penibel (und maßlos) fort. Oder er baut ein Gerüst bis in den Himmel hinein weiter. Mit Tusche. Ein surrealer Gerüstbau zu Babel. Und über Parkplätzen erheben sich die in den Raum weitergedachten Bodenmarkierungen wie überm Galerieboden das filigrane Gewächs aus schwarzen Holzstaberln, das der Zahl Drei huldigt. Regeln sind toll.

Das macht er doch mit links und rechts

(cai) Okay, ein Klavierspieler nimmt ebenfalls beide Hände. Bei dem ist das freilich nix Besonderes. Den würde man vielmehr bestaunen, wenn er mit einer Hand eine Etüde von Rachmaninow zum Besten geben würde - ohne eine einzige Note auszulassen. Martin Tardy spielt allerdings nicht Klavier. Er zeichnet. Außerdem eher den Minutenwalzer von Chopin. Aber eigentlich Akte, Torsi, Gesichter. Und er schafft’s wirklichin einer Minute.

Der Wiener (Jahrgang 1992) ist zwar gebürtiger Linkshänder, doch seine Rechte hat er auch fleißig trainiert. G’scheit, denn jetzt kann er zwei Tuschestifte gleichzeitig losschicken. Als würde da einer mit sich selbst um die Wette zeichnen, nur ist eben der Weg (oder der Umweg?) das Ziel. Zwei Linien voller kinetischer Energie, ohne abzusetzen flüssig durchgezogen, die am Ende, nachdem sie bei zahlreichen Muskeln vorbeigeschaut haben, wieder zusammenfinden und "verknotet" werden. Zu einem Kringel, seiner Signatur. "Asynchrones Zeichnen" nennt der Künstler das. Braucht nicht einmal ein Nacktmodell. Überhaupt kein Modell. Und: "Dadurch, dass mein Körperwissen so gut ist, kann ich jemanden, der angezogen ist, als Akt zeichnen." He, er könnte als Nacktscanner auf dem Flughafen arbeiten. Und er scheint einem noch dazu die Haut abzuziehen. "Mediziner fühlen sich sehr hingezogen zu meinen Arbeiten." Tja, das kommt halt davon, wenn man sich mit 14 "ein wunderschönes Anatomiebuch" kauft.

Der hat zweifellos was drauf. Auch mit einer Hand und zwei Augen (wie bei der Vernissage in der Galerie Hilger, wo er den sechs PVC-Platten in Kopfform live ein Gesicht verpasst hat - in fünf Minuten) oder mit einer Hand und ohne Augen, also mit geschlossenen. (Seine Blind Dates mit dem Papier sind vielleicht nicht immer sooo . . . sehenswert.) Ein Frauenakt auf dem klassischen Gerät zur Herstellung von Selfies (auf einem Spiegel) lässt den Betrachterblick dann zwischen Narzissmus und Voyeurismus hin- und herspringen. Und neuerdings emanzipiert sich die Linie sogar von der Fläche, wandert über einen formschönen "Prometheus" aus Bronze, einen erschöpft wirkenden Rebellen. 3D ist dem 2D trotzdem nicht sein Tod.