Der Mississippi ist ein symbolisch üppig aufgeladener Fluss. Er steht unter anderem für die Mitte des Landes, die zwischen den glamourösen Rändern New York und Kalifornien gern einmal vergessen wird. Oder abschätzig Fly Over genannt wird. Fotograf Alec Soth stammt selbst aus Minnesota. Im Kunsthaus Wien sind nun einige seiner Serien zu sehen, etwa "Sleeping by the Mississippi", die Reihe von Bildern, die ihn zu Beginn der Nullerjahre als Chronist des Mittleren Westens bekannt gemacht hat.

Vom Norden bis zum Süden folgt er dem großen Fluss und dokumentiert seine Begegnungen. Da ist Patrick, der am Palmsonntag unter einem Jacarandabaum steht, inmitten von Brettermüll, einen Palmzweig in der Hand. Oder auch Adelyn mit einem Aschenkreuz auf der Stirn. Sie wollte übrigens vom Fotografen als Gegenleistung ein Bier, was ihn am Fasttag überraschte. Darauf erklärte sie ihm, dass ihr Kreuz nur aus Zigarettenasche gemalt sei. So viel Info gibt es selten zu Soths Bildern, die aber ohnehin ihre eigenen Geschichten in den Köpfen auslösen. Vor allem, wenn sie so poetisch sind wie das Bettgestell, das mitten in der Pflanzenwildnis steht, sogar ein paar Blüten haben sich schon angesetzt darauf, dahinter wogt der Mississippi. Oder so berührend wie der Mann in der dicken Sturmhaube, der zwei Modellfugzeuge hält.

Ein Foto von einem Engel

Christliche Motive sind häufig bei Soths Tour am Mississippi, vom fahrenden Reverend mit seiner schicken Begleitung, deren riesiger Turban auf ihre Schlangenlederprint-Hose abgestimmt ist, bis zu Pastorsfrau Bonnie, die mit turmhoch toupiertem Haar ein Foto von einem Engel (im Goldrahmen) präsentiert. Aber auch zu biografischen Stätten der US-Historie hat es ihn gezogen, so ist das Bett, in dem Charles Lindbergh in seiner Kindheit geschlafen hat, zu sehen.
In einer weiteren Serie hat sich Soth einem anderen mythenschweren Ort der USA gewidmet: den Niagara-Fällen. Hier wird romantisch geflittert genauso wie sich spektakulär umgeracht. Soth fängt das Spannungsfeld ein: mit am Touristen-Hotspot geschossenem, kitschigen Fast-gemalt-Foto vom berühmten Wasserfall, aber auch mit einem abfotografierten Liebesbrief, der die kärglichen Angebote für eine gemeinsame Zukunft verhandelt, aber auch mit dem starken Aktfoto von Michele und James: Beide entsprechen keineswegs den gängigen Schlankheitsidealen, sie schmiegt sich in einem Versuch der Keuschheit an ihn, er hält sie stolz und mannhaft.

In der Reihe "Broken Manual" beschäftigt sich Soth mit Menschen, die aus der Gesellschaft ausgestiegen und in die amerikanische Wildnis eingestiegen sind. Ein nackter Mann mit Hakenkreuz-Tattoo, der in einem absurd idyllischen Teich steht, hat jede Menge Potenzial für Kino im Kopf. In einer Vitrine liegen Gebrauchsanweisungen (Manuals), die Soth zur Recherche aufgetrieben hat, etwa "How to disappear completely and never be found". Dass es aber auch beim Untertauschen nicht immer ganz unschmuck zugehen muss, zeigt das Bild einer Discokugel im wäldlichen Nirgendwo.

In seiner jüngsten Arbeit "I know how furious your heart is beating" hat Soth sich eingehender mit seinen Porträt-Objekten befasst, mehr Beziehung zu ihnen aufgebaut. Das bringt sehr berührende, Schwäche und Stärke zugleich vermittelnde Bilder hervor, wie jenes von Galina, die sich in drei Schminktischspiegeln spiegelt, darunter stehen drei Fotos von ihr als junge Frau. Dass Soth aber auch zu Beginn seiner Karriere - er arbeitete noch hauptberuflich in einem Fotolabor - keine bösartigen Schnappschüsse gemacht hat, zeigt seine frühe Serie aus Bars in Minnesota: Die ältere, ausgehfeine Dame mit dem Perlenhalsband, die gerade mit einer Cocktailkirsche gefüttert wird, strahlt selbst in diesem Moment erstaunlichen Charakter aus.