Den Startschuss hat Emmanuel Macron gegeben. "Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein", erklärte der französische Präsident vor zweieinhalb Jahren zur allgemeinen Überraschung. Und: "Ich will, dass innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen für temporäre oder definitive Rückgaben afrikanischer Kulturgüter vereint sind." Die Vorarbeiten dafür kamen rasch in die Gänge: Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die in Berlin lebende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erhielten den Auftrag, die Depots der Grande Nation zu durchleuchten und Rückgabemodalitäten zu ersinnen.

Rund 90.000 Objekte aus Afrika südlich der Sahara lagerten in Frankreichs Museen, erhoben die zwei Experten - Bestände, die nach geltendem Recht unveräußerlich waren. Mit dem Machtwort Macrons aber drehte der Wind, und er verlieh den beiden Wissenschaftern Auftrieb für eine Maximalforderung. In ihrem Bericht plädierten sie nicht etwa für handverlesene Rückgaben. Nein: Alle Kolonial-Erwerbungen sollten die Heimreise antreten, und zwar schnell. Selbst in Zweifelsfällen soll laut Sarr und Savoy restituiert werden. Eine Ausnahme sehen sie nur vor, wenn sich Beweise für einen "fairen" Erwerb einstellen.

Der kühne Plan geriet allerdings bald ins Stocken. Rücksendung ohne Wenn und Aber? Davon war im Vorjahr kaum mehr die Rede. Auf der Homepage des Kulturministeriums hieß es: "Die neue Kooperationspolitik (...) kann sich nicht auf die alleinige Frage nach Rückgaben beschränken." Und auf einer Fachtagung zum afrikanischen Kulturgut versuchte Minister Franck Riester, ein Konzept von der "Zirkulation" von Exponaten schmackhaft zu machen.

Maßvolle Rückgaben

Macrons Vorstoß hat allerdings eine Kettenreaktion im Westen ausgelöst. Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters warf sich rasch für eine Aufarbeitung der Kolonialzeit in den Museen in die Brust; auch in Österreich ist die Debatte gelandet. Im Vorjahr hat das Bundeskanzleramt eine einschlägige Tagung veranstaltet, im türkis-grünen Regierungsprogramms spiegelt sich das Vorhaben nun ebenfalls wider. Auf Seite 48 ist von einem "zusätzlichen Bereich" die Rede, der für die postkoloniale Provenienzforschung etabliert werden soll.

Auffällig ist freilich, dass das Thema jenseits von Frankreich nicht mit der gleichen Radikalität angegangen wird. Rückgaben, ja bitte - aber nicht in Bausch und Bogen, scheint die Devise zu lauten. Eine Haltung, für die sich Argumente finden. Eine Pauschal-Restitution könne "nicht die Antwort auf die komplexe Geschichte von Kulturen, Gesellschaften und Staaten" sein, sagt Hartmut Dorgerloh, Intendant des Humboldt Forums in Deutschland. Andere drücken sich schärfer aus: Savoys und Sarrs Konzept sei nichts als ein "Ablasshandel", um sich von der Schuld der Kolonialzeit "reinzuwaschen", zitiert das Magazin "Weltkunst" den Chef des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann.

Einen Vorzug hat die Kehraus-Methode freilich: ihre Einfachheit. Wer dagegen mit Maß und Ziel restituieren will, muss viel Zeit und Geld in Provenienzforschung stecken. Und er öffnet damit eine Büchse der Pandora. Welche Kunstgeschäfte zwischen Europa und Kolonial-Afrika darf man als "fair" einstufen? Wie lassen sich diese Deals nachvollziehen? Wer war der einstige Eigentümer eines Artefakts? Hat er einen Rechtsnachfolger, und wenn ja: Lässt sich ihm das Objekt zustellen? Und für Österreich nicht unwichtig: Wie viele Besitztümer der heimischen Bundesmuseen stammen eigentlich aus Afrika?

Offene Fragen en masse

Ein Vorstoß von Henrike Brandstötter verdeutlicht die Größe des Problemfelds. Die Neos-Politikerin hat im Dezember eine parlamentarische Anfrage an das Kulturministerium gerichtet und nun Rückmeldung erhalten. Fast 48.000 Objekte afrikanischer Provenienz prangen in den heimischen Museen, teilt das Ministerium mit. Eine Zahl, die aufs erste verblüfft, war Österreich doch keine mächtige Kolonialnation. Die Menge erklärt sich aber durch die penible Zählweise in den Depots: Selbst Kleinstobjekte erhalten hier eine Inventarnummer. Rund 300 afrikanische Gegenständen hortet etwa das Naturhistorische Museum, darunter vor allem Rohstoffproben. Das MAK wiederum besitzt ein Sammelsurium von 1983 Stück, von Behältnissen über Kleidung bis hin zu Teppichen.

Den Löwenanteil - und auch das pikante Material - besitzt das Weltmuseum Wien. Das prüft seit dem Jahr 2005 zwar die Herkunft neuer Sammlungszugänge und ist insgesamt kolonialkritisch überarbeitet worden. Unter den 44.700 Nummern aus Afrika taucht dennoch Brisantes auf: Die Sammlungen aus dem Königreich Benin (heute Nigeria) beherbergt 13 Objekte, die "eindeutig im Zusammenhang mit dem kolonialen Krieg von 1897" nach Europa gelangten, wie es in der Anfragebeantwortung des Ministeriums heißt. Es sind dies die einzig geklärten Fälle von "ethisch problematischer" Provenienz - weitere Hundertschaften harren der Recherche. So stammen 12.022 Stück der Sub-Sahara-Sammlung womöglich aus einem kolonialen Kontext, und für zusätzliche 5315 Nummern bedarf es einer "genaueren Forschung". Diese muss im Museum quasi nebenbei erbracht werden. Während in Österreich Fälle von NS-Raubkunst von einer speziellen Kommission beforscht werden, obliegt die Arbeit am postkolonialen Feld den Kuratoren der Häuser. Dabei erfolgt diese Tätigkeit rein anlassbezogen, nicht systematisch.

Die Neos drängen darum auf eine Lex Kolonialkunst: Sie bringen am Donnerstag einen Entschließungsantrag ein und fordern einen Gesetzesentwurf vom Außenministerium. Der neue Paragraf soll nicht nur "die Restitution von Kulturgütern problematischer oder ungeklärter Provenienz autorisieren". Er soll zudem die Ausbildung von Museumspersonal in Partnerländern fördern und damit eine "sensitive" Entwicklungshilfe leisten. Bleibt abzuwarten, ob dies bei der Regierung auf fruchtbaren Boden fällt - und freilich auch, ob sie ihr eigenes Ansinnen wahr macht und die afrikanische Provenienzforschung im Inland tatsächlich stärkt.