In den letzten Dezembertagen war dann alles sehr schnell gegangen: Sabine Haag, langjährige Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, wurde ab 1.1.2020 für weitere fünf Jahre bestellt. Diesem unumstrittenen wie logischen Schritt war ein "sehr turbulentes Jahr 2019" vorangegangen, wie Haag es im Rückblick formuliert. Eike Schmidt, seit 2017 als neuer Generaldirektor designiert, sprang im Oktober einen Monat vor Amtsantritt ab - und Haag vorerst interimistisch für ihren Nachfolger ein. Neben einem turbulenten war 2019 aus Haags Sicht auch ein "verlorenes Jahr". Zentrale Positionen im Haus konnten und mussten nur interimistisch besetzt, große Ausstellungsprojekte und Sponsorenverträge unausgegoren bleiben: "Das lässt sich nicht mehr aufholen."

Doch die Zeiten der Planungsunsicherheit liegen hinter Sabine Haag und dem KHM. Die vergangenen Monate hat die Direktorin genutzt, um alle strategischen und planerischen Fäden wieder aufzunehmen. Am Montag sprach sie mit Journalisten über ihre Pläne für die kommenden fünf Jahren. Und sie hat viel vor.

Zeit mit den Blockbustern

Will 1400m2mehr im KHM öffnen: Direktorin Haag. - © apa/Fohringer
Will 1400m2mehr im KHM öffnen: Direktorin Haag. - © apa/Fohringer

Inhaltlich setzt Sabine Haag den eingeschlagenen Weg fort, konzentriert sich auf je eine zentrale Alte-Meister-Schau im Herbst. Auf "Tizians Frauenbild" im Oktober 2020 sollen Ausstellungen zur "Renaissance im Norden" sowie zu Rembrandt und Van Dyk folgen. Die inhaltlichen Pflöcke für die kommenden Jahre stammen alle von Sabine Haag, auf Eike Schmidt geht lediglich die Idee zur Beethoven-Schau diesen Frühling zurück - "sonst gab es da wenig Substanzielles", so Haag. Ein überschaubares Erbe dieser nie stattgefunden habenden Direktion also.

Dass Sabine Haag fundiert Blockbuster zu programmieren versteht, hat sie in den vergangenen Jahren etwa mit Bruegel oder Caravaggio gezeigt. Jedoch auch, dass das Haus am Maria-Theresien-Platz damit an seine Kapazitätsgrenze gelangt ist, wie Haag es nennt. Sich im Regen um Karten anzustellen und sich dann vor den Gemälden zu drängen, das sind nicht ihre Vorstellungen eines gelungenen Museumsbesuches, so die Direktorin: "Ziel kann es nicht sein, möglichst viele Besucherinnen und Besucher in eine Ausstellung zu bringen." Ein Museumsbesuch solle eine "Mußestunde" bleiben, eine intensive Zwiesprache zwischen Betrachter und Kunstwerk ermöglichen.

Um den Besucherstrom - 2019 wurden die Besucherzahlen mit knapp 1,8 Millionen erneut "moderat gesteigert" - qualitativ zu verbessern, setzt die KHM-Chefin auf zwei Projekte: Zum einen soll der Zugangsbereich umgestaltet werden, die temporären Ticket-Container auf dem Vorplatz sollen einem zeitgemäßen, barrierefreien Eingangsbereich weichen. "Das Vestibül entkernen": Konkreter wollte Haag in Bezug auf bauliche Details nicht werden, es seien zuerst Gespräche mit dem Denkmalamt, Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek und Finanzminister Gernot Blümel nötig. Ebenfalls erst auf finanzielle und praktische Umsetzbarkeit prüfen lassen muss Haag das zweite Projekt: Durch Adaptierung von Flächen im zweiten Stock des KHM will sie 1000 bis 1400 m2 Extra- Ausstellungsfläche schaffen.

Ob diese neuen Räume mit Sonderausstellungen bespielt oder für die Sammlung genutzt werden sollen, ist noch offen. Klar sei jedoch, "dass wir das gründlich machen wollen". Die zusätzlichen Bereiche, die derzeit weder konservatorisch noch klimatisch für eine Nutzung geeignet seien, sollen ganzjährig nutzbar werden. Die Kosten reichen, je nach Ausbaustufe, von einem einstelligen Millionenbetrag bis zu mehreren Hundertmillionen Euro. Der Zeitplan für beide Vorhaben sind jedenfalls die kommenden fünf Jahre.

KHM bleibt vorerst geöffnet

Neben den Großvorhaben ist Haag dabei, liegen gebliebene Entscheidungen aufzuarbeiten: Aktuell sind Direktorenposten auszuschreiben, die Zukunft der Flächen zu klären, auf denen das Haus der Geschichte Österreich eingemietet ist, oder ein Relaunch des Theatermuseums ab 2022 zu erarbeiten - für die Zeit nach der gemeinsamen Nutzung mit der Gemäldegalerie der Akademie. Auch die Schatzkammer soll museologisch neu präsentiert und klimatechnisch adaptiert werden. Letzteres wird "nur mit einem Bekenntnis des Eigentümers möglich sein".

"Wir sperren auch morgen wieder auf", kommentiert Sabine Haag die Tatsache, dass der Louvre in Paris derzeit wegen der Angst von Mitarbeitern vor dem Coronavirus geschlossen sei. Freilich spüre sie an den acht Standorten des KHM-Verbandes einen Rückgang der Buchungen von Reisegruppen aus China und Schulklassen aus Italien. Man sei in ständigem Austausch mit den Behörden, um weder Besucher noch Mitarbeiter zu gefährden und habe die allgemeinen Hygienemaßnahmen verstärkt. China beschäftigt Sabine Haag derzeit aus einem anderen Grund intensiv: Das Weltmuseum plant für 2021 eine große China-Schau.