Auch die Gerade

Neugierige Lampe: Aus der Serie "Altes Eisen" von Maria Temnitschka. - © Maria Temnitschka
Neugierige Lampe: Aus der Serie "Altes Eisen" von Maria Temnitschka. - © Maria Temnitschka

mag Kurven

(cai) Im Bildraum 01 ist die Höller los. Nein, da ist kein r zu viel. Die Barbara Höller stellt dort nämlich aus. Okay, es geht eh sehr gesittet und rational zu. Geradezu mathematisch. Dazu muss man schließlich nicht Mathematik studiert haben. Hat sie aber trotzdem. Ein bissl. Vor ihrem Kunststudium.

Auf die schlanke Linie schaut man hier. Verhungern muss das Auge dennoch nicht. Weil man eigentlich auf Unmengen von schlanken Linien blickt. Und weil die Wienerin mit dem attraktiven Moiré-Effekt spielt. Obwohl sie also schnurgerade Linien zieht, sie überlagert, Winkel subtil verändert, eine intensiv meditative Arbeit ("Da schau ich dem Zufall und mir selbst beim Machen zu"), kommen am Ende Wellenbewegungen raus. Vibriert die Fläche. Eine Gerade ist angeblich eine Kurve. Viele Geraden bieten einem jedenfalls eine kurvenreiche Show. Auch in Farbe. In Siebdrucken etwa, wo sich der Blick auf den Interferenzen treiben lässt. Höller: "Ein unbestimmtes Driften. Im Leben, in der Welt." Weiße Linien wiederum (auf und hinter Acrylglas) und ihre Schatten verstärken sich zum visuellen Weißen Rauschen. Und die Klebebandstreifen auf den Fenstern? Natürlich keine Jalousie für Arme. Die folgen demselben Prinzip.

Der Zwischenraum als Motiv: Auf Diptychen blinzelt er zwischen den längst wieder abgezogenen Tapes, den selbstklebenden Linien, frech heraus. Lechts und rinks kann man da ruhig velwechsern. Die Tafeln passen so oder so zusammen. Und die zwei Seiten eines Diptychons müssen, anders als die der sprichwörtlichen Medaille, ja gleichzeitig miteinander auskommen. In letzter Konsequenz wird das flache Dazwischen isoliert und schwebt über seinem optischen Echo, dem Schatten. Ausgeklügelt simple Systeme. Der Computer könnte es nicht besser. Höchstens perfekter und unpersönlicher.

Bildraum 01

(Strauchgasse 2)

Barbara Höller, bis 13. März

Di. - Fr.: 13 - 18 Uhr

In Würde

rosten

(cai) Was malt sie denn so, die Maria Temnitschka? Ach, fast nur Schrott. Das sollte jetzt keine Wertung sein, bloß eine Feststellung. Ihre Modelle haben großteils ausgedient. Und sind aus Metall. Nicht, dass die alle "impotent" wären. So leidenschaftlich, wie die Zange da (rostig, aber rüstig) dem Zirkel in die Schraube beißt . . .

Der Titel der Ausstellung in der Galerie Hrobsky ("Altes Eisen") ist jedenfalls doppeldeutig. "Spielt auch ein bisschen auf die älter werdende Künstlerin an", bekennt die gebürtige Niederösterreicherin (Jahrgang 1961). "Gehört man schon bald zum alten Eisen? Und ist das automatisch etwas, das nichts mehr wert ist?" In einer stillgelegten Textilfabrik im Waldviertel hat sie nun ein paar vor sich hin korrodierende Langzeitarbeitslose angetroffen. Müde Maschinen, denen die Fäden und Fetzerln noch lethargisch aus den monströsen Walzen heraushängen, als hätte man ihnen abrupt den Saft abgedreht. Nichts bewegt sich mehr (tja, wer rastet, der rostet), lediglich die Zeit vergeht. Und Zeit ist bekanntlich das, was geschieht, wenn sonst nix passiert. Ein Kommentar zum Jugendkult auf dem Arbeitsmarkt? Mit dem Pinsel zeigt Temnitschka ihre Wertschätzung fürs "alte Eisen", beseelt es und den ganzen Raum mit ihrer weichen, gefühlsbetonten Malerei und einem warmen Licht, verstärkt mitunter die Rost-Patina. ("Dafür ist ja die Kunst da. Dass man die Dinge besonders sichtbar macht.") Sie steht überhaupt auf verwaiste Orte. Und obwohl sie auf der Angewandten in Wien im Aktsaal unterrichtet: nirgends ein Zweibeiner. ("In dem Moment, wo man einen Menschen hineinmalt, schaut der Betrachter nur mehr den Menschen an.") Aber die Maschinen sind eh menschlich genug. Zumindest nicht sächlich.

Und die intimen Stillleben daneben sind sowieso Porträts. Von Überlebenden der Wegwerfgesellschaft. Die Generation 50 plus. Die Taschenlampe aus der Kindheit funktioniert noch super (das heutige Plastikglumpert ist ja gleich hin), der betagte Ventilator (von der Künstlerin liebevoll Lindbergh getauft) ist zwar ausgesteckt, surrt sonst freilich aufgeregt wie ein Propeller vor der Atlantiküberquerung. Und überall kleine Geschichten. Oder große Beziehungsdramen. Das geheime Leben der angeblich toten Dinge.

Galerie Ulrike Hrobsky

(Grünangergasse 6)

Maria Temnitschka, bis 21. März

Mi. - Fr.: 13 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 15 Uhr