Den legendären Nackerten im Hawelka kennen wir seit Georg Danzers "Jö schau" (1975) - damals setzte sich auch Arnold Schwarzenegger mit entblößtem Oberkörper in das damalige Künstlercafé, und Fotograf Michael Horowitz, der 20 Jahre lang, ab den späten 1960ern das Wiener Kulturleben porträtierte, war zugegen. Der Schnappschuss zeigt wie die Momentaufnahmen vom Konzert der Rolling Stones in der Stadthalle 1967 ein Gespür für besondere Momente und auch für die richtige Mischung internationaler Größen mit nationalen Stars und Sternchen. Schon in der Schulzeit baute der Sohn eines Theaterfotografen Freundschaften in der Kunstszene auf, darunter Helmut Qualtinger und Kiki Kogelnik. Horowitz traf die bereits in New York lebende Kogelnik während ihres Happenings in der Galerie nächst St. Stephan am Morgen der Mondlandung von Apollo 11 im Jahr 1969.

Eins kam zum anderen

Die Künstlerin lud ihn nach einem Wiedersehen in der Hippie-Diskothek Voom Voom in ihr Studio nach New York ein, und Horowitz konnte sie zu Auftritten in verschiedener Kostümierung begleiten. Zudem baute die Künstlerin vor ihm auf einer Dachterrasse ihre durch poppige Bemalung und Collage veränderten leeren Bombenhülsen der US-Army auf. Damals war er keine 20 und traf durch sie erstmals Andy Warhol.

Friederike Mayröcker, 2019. - © Michael Horowitz
Friederike Mayröcker, 2019. - © Michael Horowitz

1981, bei Warhols Wien-Aufenthalt anlässlich einer Ausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts, bekam er ihn in einer Villa in der Krapfenwaldgasse vor die Kamera. Warhol arbeitete an Porträts einer bekannten Sammlerfamilie, deren Tochter er auf einem Horowitz-Foto nachschminkt.

Doch es sind nicht nur Nackerte, die das Gefühl der lockeren 70er Jahre vermitteln, wie Peter Weibel vor einem Wasserturm auf einem Thonetstuhl oder das Glamourpaar Helmut Leherb und Lotte Profohs im Badezimmer. Horowitz musste sich bei manchem abgesprochenen Termin auch heftig anstrengen, so wartete er Tage, bis Thomas Bernhard in seinem Vierkanthof in Ohlsdorf das Tor für Fotograf und Interviewer öffnete. Das Resultat ist das berühmte Sujet mit Dichter am Fahrrad in kurzen Hosen, in seinem Keller im Kreis fahrend.

Senta Berger, 1973. - © Michael Horowitz
Senta Berger, 1973. - © Michael Horowitz

Horowitz ließ sich von der Begeisterung seines Journalistenkollegen Paul Kruntorad und von Künstlern wie Arnulf Rainer, Peter Pongratz und André Heller anstecken: Er fuhr zu den Art-Brut-Künstlern nach Gugging, wo Leo Navratil ein "Haus der Künstler" eingerichtet hatte. Davor stellten sich alle Insassen für Horowitz auf, außer Johann Hauser, der meinte: "Mit den Narren lasse ich mich nicht fotografieren"; doch schließlich stellte auch er sich in die hinterste Reihe, und so sind alle frühen Stars festgehalten. Kruntorad hatte als Erster darauf hingewiesen, dass Navratil die größte künstlerische Neuerung nach 1945 mit der Etablierung der kreativen Patienten der ehemaligen Nervenheilanstalt gelungen war - tatsächlich haben sich ihre Werke wenig später am internationalen Kunstmarkt etabliert.

Thomas Bernhard auf dem Rad in Ohlsdorf. - © Michael Horowitz
Thomas Bernhard auf dem Rad in Ohlsdorf. - © Michael Horowitz

Auch politische Ereignisse hat der Freund der Künstlerschaft dokumentiert, den Nazijäger Simon Wiesenthal, Yoko Ono und John Lennon, allerdings am Flughafen und nicht nur beim "Sit in" für den Frieden im Bett des Hotel Sacher, und 1965 die Proteste gegen den die Naziherrschaft weiter verherrlichenden Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz. Damals kam der Straßenbahnschaffner Ernst Kirchweger durch einen rechtsextremen Studenten ums Leben; Horowitz fotografierte auch die umstrittene Kommune von Aktionist Otto Muehl, der später wegen Verführung Minderjähriger verurteilt wurde. Mit Qualtinger war er im Gemeindebau aufgewachsen und so nahm ihn dieser zu Auftritten, aber auch verkleidet als einer der Heiligen Drei Könige, ins Burgenland wie nach Salzburg mit.

Eine Bekanntschaft ergab die andere und Horowitz hätte wohl weiter für Elias Canetti, Arnulf Rainer, Christian Ludwig Attersee und andere Kameraarbeit machen können, doch er entschied sich, als Chefredakteur das Magazin einer Tageszeitung herauszugeben und als Verleger zu arbeiten. Seine Lieblingsdisziplin setzt sich aber auch noch heute nebenbei durch: Zwei Fotoporträts zeigen Willi Resetarits und Friederike Mayröcker 2019.