Ingeborg Strobl (1949 - 2017) studierte Grafik an der Angewandten, danach Keramik am Royal College in London und wandte sich sehr bald einer eigenwilligen Variante der Konzeptkunst zu. Vor ihrem Tod besprach sie mit Kurator Rainer Fuchs die nun verwirklichte Ausstellung und hinterließ ihre Werke dem Mumok; sogar der Titel der Schau "Gelebt" und das Leitmotiv "Tulpe" wurden noch gemeinsam mit der Künstlerin festgelegt.

Ingeborg Strobl gibt dem Alltäglichen Würde und Ansehen, "Ohne Titel", undatiert. - © mumok/Rastl
Ingeborg Strobl gibt dem Alltäglichen Würde und Ansehen, "Ohne Titel", undatiert. - © mumok/Rastl

Das Archiv aus Kisten mit Keramiken und Mappen mit Collagen, Fotografien und Filmen musste durchforstet und beforscht werden, es stellte sich als umfangreicher heraus als bei der geordneten Übergabe angenommen.

Zivilisationsdesaster

Ingeborg Strobl: "Eat/Horse", 1996. - © mumok/deinhardstein19
Ingeborg Strobl: "Eat/Horse", 1996. - © mumok/deinhardstein19

Die rosa Tulpe ist allerdings nur ein Teil einer vierteiligen Vanitas-Fotoserie, wobei die Blume im Verblühen und Entblättern von ihr aufgenommen wurde.

Diese ganz beiläufige Erinnerung an den Tod ohne romantische Pathetik oder verbundene Mythen ist typisch für die Spurensucherin am Rande - die Peripherien von Städten, abseits touristischer Pfade, meist in Osteuropa, aber auch Indien, interessierten sie besonders. Sie war viel auf Reisen und mit der Kamera hinter unaufgeregten Sujets her, sammelte Fundobjekte, und hielt ihre meist sozialkritischen Beobachtungen tagebuchartig in Skizzen und Collagen fest.

Doch auch ihre Publikationen zu einzelnen, sehr sparsam und mit dem Raum korrespondierenden Themen-Ausstellungen wie "Tier" in der Secession mit einem ausgestorbenen Beutelwolf im Zentrum, Fleischproduktion, Natur und Umwelt, tauchen in der Schau in Vitrinen auf - die Kataloge und Broschüren waren stets aufwendig gedruckt, auch Wandtapeten waren wichtig.

Strobl trat 1987 der ironisch und politisch zu feministischen Themen performativ agierenden Künstlerinnengruppe "Die Damen" bei, verließ diese aber wieder, als 1992 der amerikanische Konzeptkünstler Lawrence Weiner aufgenommen wurde. Sie blieb politisch, vor allem die Konsumkritik ist in ihren sozialkritischen Gesellschaftsbeobachtungen wesentlich, auch engagierte sie sich bereits für die Umwelt zu einer Zeit, als die Klimakatastrophe noch für kaum jemand in der Kunst virulent schien. Zivilisationsdesaster holte sie mit Gespür an die Oberfläche, auch den Umgang mit dem Schlachten der Rinder - jede Idylle wird im Keim erstickt, aber ohne Schockverfahren. Es ist ein stiller Protest, beiläufig ordnen sich Knochen zu Tellern, tröstlich breitet sich in einem Film das Grün wieder über eine Straßenfläche aus.

Das Makabre beginnt mit den Grafikserien und Objekten lädierter Nashörner, aber auch Hühner, Mäuse, Hasen, Reptilien und Muscheln. Sie werden als Keramiken und Plastikspielzeug in Vitrinen arrangiert, teils amputiert, verfremdet und fragmentiert; Kurator Fuchs orientiert sich an alten Aufnahmen ihrer besonderen Personalen in Secession, Generali Foundation, Wien Museum oder an den Arbeiten im öffentlichen Raum. Die Kombination mit Fundstücken, Monitor und Schriftblöcken ist harmonisch, das Schriftbild "Apokalypse, der In-Trend der Saison" wirkt wie ein abgestellter Bildschirm, Blattfragmente und zerbrochene Teller mit Muster auf den Bruchstellen ergänzen.

Zu je einem Thema, einer Serie wie der über das alte Stadthallenbad, präsentiert er dazwischen Filme und ihre oft im Schnee fotografierten Friedhofsserien; kritisch war Strobl gegenüber der Malerei als Ausdrucksform und verpackte dies ironisch in ihre Blätter zur "Farbe der Zukunft" oder Collagen, die theoretisch über Malerei sprechen, aber keinen Pinselstrich aufweisen. Doch es gibt auch einen Komplex mit mehr Pinselarbeit, allerdings stark geometrisch-konkreter Abstraktion mit Schrift gewidmet.

Spuren des Politischen

Der Film "Stute" verfolgte 1996 die ständige Kritik an der Errichtung moderner Museen im Areal der alten Hofstallungen als Kommentar und Rückblick auf das kriegswichtige Pferd der Armee in Zeiten der Monarchie. Ein Stallknecht führt es durch das zukünftig Museumsquartier. Mit "Ich esse Fleisch" setzte Strobl fast die späten Schlachthausserien der Dora Kallmus (Madama d’Ora) in Paris fort. In Schloss Orth richtete die Künstlerin 2017 eine "Wunderkammer" ein, die im Mumok in einer Nische nachgebaut ist.

Für den Arbeitskomplex "Rumex Alpinus" hat sich Strobl jeden Sommer, vergleichbar mit dem Literatenkollegen Bodo Hell, als Sennerin auf eine Alm begeben und das Verschwinden der alten Almwirtschaft vor der Zentralisierung der Milchwirtschaft dokumentiert. Es war ihr Beitrag für die Ausstellung "Naturgeschichten" vor zwei Jahren im Mumok, der Untertitel auch hier "Spuren des Politischen".