Die 1970er-Jahre waren eine Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen, soziale Experimente und alternative Lebensformen wurden ausprobiert. In dieser Aufbruchsstimmung landete Wencke Mühleisen in der Kommune des Wiener Aktionisten Otto Muehl. Neun Jahre lebte die gebürtige Norwegerin im burgenländischen Friedrichshof, bis sie 1985 endlich den Absprung schafft.

In ihrem soeben erschienenen Buch "Du lebst ja auch für deine Überzeugung" vergleicht die Autorin ihr Schicksal mit dem ihres Vaters, einen Wehrmachtssoldaten und überzeugten Nazi. Sie legt damit nicht nur einen erhellenden Bericht aus dem innersten Kreis um Muehl vor, sondern liefert eine bedrückende Vater-Tochter-Geschichte. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der 66-jährigen Autorin vor ihrer Lesung in Wien.

Wencke Mühleisen. - © Aagaard
Wencke Mühleisen. - © Aagaard

"Wiener Zeitung":Ihr Vater war im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht, Sie in den 1970er Jahren in Muehl-Kommune. Wo sehen Sie hier bitte Gemeinsamkeiten?

Wencke Mühleisen: Natürlich untersuche ich hier zwei sehr unterschiedliche ideologische und historische Zeiten. Eine Gemeinsamkeit besteht für mich allerdings darin, dass wir beide unsere Hoffnungen bereitwillig an Ideologien knüpften, die jeweils die alte Ordnung abschaffen wollten, um eine bessere Welt zu gestalten. Ideologisch war das natürlich diametral entgegengesetzt. Auf gar keinen Fall möchte ich einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kommunen-Experiment und dem Zweiten Weltkrieg oder gar dem Holocaust herstellen. Das wäre impertinent.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, die Geschichte Ihres NS-Vaters mit Ihrer zu vergleichen?

Als ich einen Brief wiederfand, den er mir 1984 schrieb. Ich hatte den völlig verdrängt! Alles fing damals damit an, dass Mutter mir am Telefon erzählte, dass unser Vater meiner älteren Schwester verbot, unser Haus zu betreten, nachdem sie einen Nigerianer geheiratet hatte. Daraufhin schrieb ich ihm einen empörten Brief. Sein Antwortschreiben lieferte mir den Buchtitel: "Du lebst ja auch für deine Überzeugung, Wencke". Als ich den Brief nach all den Jahren wieder las, egal wie verrückt sein Vergleich auch sein mag, beschloss ich, Verbindungen zu suchen, zwischen seiner Kriegsgeschichte und meinen ideologischen Verwirrungen, die damit endeten, dass ich in einer autoritären Sekte landete, aus deren Umklammerung ich mich kaum retten konnte. Der Vergleich ist natürlich völlig unmöglich, zwischen den 1930er- und 1970er-Jahren liegen Welten. Aber es war wohl sein Versuch, mir zu signalisieren, dass er eben auch einmal von etwas überzeugt war, so wie ich in den 1970ern und man erst hinterher das Ergebnis erkennt. Dieser Behauptung wollte ich nachgehen.

Was war der Auslöser für diese schmerzhafte Spurensuche?

Die nie aufgearbeitete Kriegserfahrung meines Vaters hat gewissermaßen die ganze Familie traumatisiert. Das Geheimnis, das nicht Erzählen der Gräueltaten, gärt unbewusst weiter. Ich fragte mich: Wie kann es sein, dass junge Menschen, die gerade die autoritären Strukturen der Nachkriegsgesellschaft ändern wollten, dass gerade diese Leute, linke, freiheitssuchende Menschen, am Ende eine totalitäre Gemeinschaft mittrugen?

Wie sind Sie da hineingeschlittert?

Ich war 22, habe im experimentellen Theater gearbeitet und war auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Dabei hörte ich von der Mühl-Kommune, die in Selbstdarstellungen eine neue Methode der Improvisation propagierten. Außerdem war ich in der feministischen Bewegung und überhaupt an alternativen Lebensmodellen und Therapieformen interessiert. Ich war einfach auf der Suche nach etwas, das anders war als die kleinbürgerliche Welt, in der ich aufgewachsen bin. Ich nahm also an einem Kurs am Friedrichshof teil - und blieb dann neun Jahre dort.

Warum haben Sie nicht erkannt, dass Otto Muehl sich als autoritärer Alleinherrscher verhielt?

Die Machtstrukturen, die sich später zu einer Katastrophe entwickelten, waren von Anfang an angelegt: Muehl war der unumschränkte Herrscher, er war 20 bis 30 Jahre älter als wir, er war ein anerkannter Skandalkünstler. Seine Ideen, seine Persönlichkeit zogen uns in Bann. Die Therapieformen - eine krude Mischung von Einzel- und Gruppentherapie, bei der Muehl als eine Art Obertherapeut fungierte - waren sein wichtigstes Machtmittel. Die Dekonstruktion unserer Persönlichkeiten, ermöglichten es ihm, jeglichen Widerstand geschickt auszuhebeln.

Warum haben Sie sich überhaupt dieser Führerfigur untergeordnet?

Durch die Beziehung zu meinem autoritären Vater war ich dafür wohl unbewusst prädestiniert. Außerdem war das Regime in der Kommune zuletzt so rigoros, man denunzierte einander, sobald einer nur ansatzweise Kritik äußerte. Vertrauensbeziehungen wurden unterbunden. Es gab keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, keine Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem. Das sind Merkmale einer Sekte, die aus der Forschung bekannt sind.

Wie ist Ihnen, im Unterschied zu anderen, der Absprung gelungen?

Ich weiß nicht genau. Auch ich wurde immer abhängiger und hilfloser, bis zu dem Punkt, an dem es darum ging, mein Kind zu retten. Die Verantwortung für die Kinder und den Schaden, der ihnen zugefügt wurde, ist das schwierigste Thema für Exkommunarden und auch für mich.

Wann hatten Sie bei der offenen Sexualität der Kommune das Gefühl, dass Grenzen überschritten wurden und es zum Missbrauch kam?

Wie exzessiv Muehl zuletzt seine Sexualität mit jungen Mädchen auslebte, war vielen von uns unangenehm, aber wir konnten es nicht kritisch hinterfragen, alles wurde mit der künstlerisch-therapeutisch-sozialen Ideologie gerechtfertigt. Da die Jugendlichen völlig abhängig waren und sich nicht an ihre Eltern wenden konnten, hatten auch sie keine Möglichkeit, sich zu wehren. Wann der sexuelle Missbrauch tatsächlich anfing, ist noch immer nicht restlos geklärt. Nach seiner Gefängnisstrafe gründete Mühl erneut eine Kommune in Portugal und missbrauchte im Schutze dieser Gemeinschaft wieder Mädchen, die mit ihren Eltern dort lebten. Muehls Pädophilie gilt es aufzuarbeiten!