Dreieinhalb Jahre Umbau sind abgeschlossen. Trotzdem klärten bei der Preview handgeschriebene Post-its über die Namen der Künstlerinnen und Künstler auf. Es wohnt dem Ausstellungsbetrieb wohl inne, in anderen zeitlichen Planungskategorien zu denken - oder denken zu müssen. Auch die Broschüre für die erste Ausstellung der Künstlervereinigung im renovierten Künstlerhaus wurde erst eine halbe Stunde vor der Eröffnungspressekonferenz zugestellt.

Stahl und Zucker: The Lounge von Agata Ingarden. - © Michael Nagl
Stahl und Zucker: The Lounge von Agata Ingarden. - © Michael Nagl

Jedoch nicht nur das Informationsmaterial erschien auf den letzten Drücker, sondern auch das gesamte Team musste, wie es die neue Präsidentin Tanja Pruśnik dankend unterstrich, in den vergangenen Wochen überlange Extraschichten einlegen. Hinter diesen Verzögerungen liegen zwei grundsätzliche, chronische Probleme der 1861 gegründeten Künstlervereinigung: jenes der konzeptuellen Positionierung und jenes der Subventionierung. Die Architektin und Künstlerin Pruśnik gesteht offen zu, dass es der Verein niemals geschafft hätte, das Haus aus eigenen Mitteln dergestalt zu renovieren und auf den State-of-the-Art-Ausstellungsstandard zu bringen.

Kopfzerbrechen

Dass man für die maßgebliche Unterstützung durch die Haselsteiner Privatstiftung sowohl auf 74 Prozent der Besitzanteile an der Immobilie in bester Lage verzichten, als auch zu ebener Erd’ die Albertina modern als Ausstellungspartner akzeptieren musste, verursachte bei nicht wenigen der aktuell 439 Mitgliedern einiges an Kopfzerbrechen.

In Umkehrung zu Nestroys Theaterstück logieren die wohlbestallten Nachbarn nun im Erdgeschoß und nicht im ersten Stock. Auf die planerische Unsicherheit verwies auch Kurator Tim Voss, bereits zurückgetretener künstlerischer Leiter des Künstlerhauses. Aus seinen Worten ist zu schließen, dass die äußeren Umstände und Gegebenheiten zu seinem Rücktritt signifikant beigetragen haben. Wie die Tatsache, dass bis vor kurzem keine fixen Zusagen der Förderer zu bekommen waren. "Nie war etwas klar!", resümiert der Kurator als Kontrapunkt zum Titel der Eröffnungsausstellung "Alles war klar". Wobei die Probleme nicht nur den zögerlichen institutionellen Geldgebern und anderen Förderern anzulasten, sondern über Jahrzehnte hausgemacht sind.

Des Öfteren erscheint es einer kunstinteressierten Öffentlichkeit so, als hätte die Künstlervereinigung einerseits die Abspaltung der Secessionisten im Jahr 1897 bis heute nicht verkraftet. Andererseits verhindert die interne Struktur, mit den unterschiedlichen Bereichen wie Malerei, Bildhauerei, Architektur, angewandte Kunst und Film, und den mitentscheidenden Bereichsleitern eine flexible, offene Organisations- und Abwicklungsreform. Wie es ein Beobachter spitz formuliert, vermittelt die Künstlervereinigung eher das Image von planlosen, etwas zerstrittenen Schmuddelkindern der heimischen Kunstszene, die eher auf eigene Präsentationen pochen, als das Haus für Ausstellungen aktueller Tendenzen oder junger Künstlerinnen und Künstler zu öffnen. Eine inhaltliche Konzeption, die andere Künstlervereinigungen wie eben die Secession oder die Galerie Stadtpark in Krems erfolgreich eingeschlagen haben.

In der Ausstellung präsentiert Tim Voss Künstlerpositionen, die sich mit der Geschichte und Wahrnehmung des Hauses und seinem Umfeld auseinandersetzen. Das beginnt bei einer "Collage" von Thomas Baldischwyler, der Werke von Künstlern wie Gustav Klimt, Karl Hofer oder Martin Kippenberger zusammengesammelt hat, die einen Abriss der Ausstellungsgeschichte des Hauses dokumentieren. Des Weiteren stechen die beeindruckende gelbe "Lounge" mit tropfenden, hängenden Skulpturen von Agata Ingarden und die "Gewerkschafterin" (aus der Serie der "Leichten Mädchen") von Cäcilia Brown - eine imposante, plastische Tonskulptur auf Stahlprofilen - ins Auge.

Ironie und Kick

Mit feiner Ironie geht Max Schaffer bei der Präsentation seiner Lüftungsrohr-Installation vor: Obwohl im Zuge der Renovierung zahlreiche Rohre zur Verfügung gestanden wären, deckte sich der Künstler mit Rohren vom Umbau der Secession ein. Humor mit augenöffnendem Kick beweist Kurator Voss beim Raum mit Werken von Mitgliedern der Vereinigung: Die unterschiedlichen Arbeiten wurden nicht an die Wände appliziert, sondern sind auf einem langsam rotierenden Seilzug aufgehängt. Die kühne wie etwas despektierliche Präsentationsform erlaubt Besuchern einen Blick auf die Rückseite der Leinwände. Wenn Entstehungsjahre zu erkennen sind, die mehr als 20 Jahre zurückliegen, und man sich den Aspekt in Erinnerung ruft, dass alle anderen Arbeiten in situ zu dieser wichtigen Erstausstellung entstanden sind, wird offensichtlich, wie virulent die angesprochenen Probleme der Künstlervereinigung noch immer sind.