Statt dem Schriftzug Kunsthalle prangt zur ersten Ausstellung des WHW-Kuratorinnenteams, das seit etwa einem Jahr die Kunsthalle leitet, Tim Etchells Neonschriftzeile "Songs about being free". Er begleitet auch weiter mit anderen weißen und "Mirror Pieces" in buntem Neon, vor allem in Gängen und Zwischenräumen des Hauses. Die Kunsthalle nützt sogar ihr Foyer für zwei Kunstinstallationen von Adje Dieye und Banu Cennetoglu statt eines Shops neben der Kassa. Kunst kämpft hier ganz konsequent gegen kapitalistische Strategien: Dieyes Arbeit "Maggic Cube" erinnert am Rande auch an das Multiple von Joseph Beuys "Ich kenne kein Weekend", das Maggiwürze zur geistigen Kraft eines Immanuel Kant einsetzte. Das war 1972 und aus dieser Ära kommt auch die Strategie Daniel Spoerris mit Fallenbildern an gemeinsame Essen zu erinnern. Auch seine neuen gestickten Küchensprüche kommen mit zu Wort in der aktuellen Ausstellung
". . . von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden".

Heutiger Beigeschmack

Neben "The start drawing and the end drawing" ist in der Ausstellung auch Dan Perjovschis "peace" (Bild) zu sehen. - © Dan Perjovschis & Gregor Podnar Gallery
Neben "The start drawing and the end drawing" ist in der Ausstellung auch Dan Perjovschis "peace" (Bild) zu sehen. - © Dan Perjovschis & Gregor Podnar Gallery

Der Titel stammt vom libanesischen Schriftsteller Bilal Khbeiz, ist fast 20 Jahre alt, und die damals zur Globalisierung aufgezählten Dinge hinterlassen heute einen noch schlechteren Beigeschmack angesichts Umweltkatastrophe, anhaltender Kriege und Flüchtlingsdebatten, enormer Schäden der industriellen Landwirtschaft und ständig drohender Finanzkrisen. Die in der Ausstellung gezeigten Werke sollen aber nicht die apokalyptische Stimmung aufnehmen, sondern das "gute Leben" und auch die Gesellschaft wieder einmal neu denken. Insofern ist Beuys als Lebensreformer noch nahe, auch wenn natürlich feministische Positionen und Kollektive heute überwiegen - die Schau startet nicht von ungefähr am internationalen Frauentag. Dazu kommen postkoloniale Intentionen, das WHW-Team will seine Richtung vorgeben, und die Übergänge zur Literatur machen sich auch in einer Zusammenarbeit des Diskursformats "Europamaschine" mit dem Burgtheater bemerkbar. Sie beziehen aber auch Lesungen und Collagen von Marlene Streeruwitz neben der jungen Autorinnengruppe Wiener Grippe mit ein.

Brotwecken am Boden

Das Gesangsaktivistinnen-Kollektiv Hor 29. November, das in zwölf Sprachen polyglott unterwegs ist und sich nach dem Tag der Republik Jugoslawien benennt, schwenkt in die Musik und natürlich gibt es eine Reihe von Performances und Künstlerinnen-Workshops. Dazu ist der Kunsthallen-Raum am Karlsplatz, gestaltet von Hito Steyerl und anderen, frei zugänglich. Vor den beiden Hallen und dem Aufgang im Museumsquartier ist die Wandmalerei von Dan Perjovschi "The start drawing and the end drawing" zu finden, kritische rot-weiße Plakate von Marina Naprushkina wiederholen die Worte "Angst Angela Arbeit Afd" und auch Milica Tomić hat ihre "public montage" mit dem Titel "On love afterwards" im Eingangsbereich situiert; an den Ziegelwänden, fast verschenkt, weil kaum sichtbar, hängen auch die interessanten Bilder von Melanie Ebenhoch.

Am Boden sind die Brotwecken von Mladen Stilinović mit Kuchen oder Pflastersteinen wie Tritte in die Richtung des Eingangs platziert. Sie erinnern an Marie Antoinettes Ausspruch vor der Französischen Revolution.

In den beiden Hallen selbst ist die schon beschriebene Mischung von bekannten und unbekannten Positionen, aber auch der übliche Medienmix zu finden. Das funktioniert ganz gut in der unteren kleinen Halle mit Wandtapeten und Monitoren von Sonia Boyce, eingebautem Kinoraum für Tuan Andrew Nguyens "Tiergartenalpträume" oder Gülsün Karamustafas "Motoradtraum-Teppich". Überall wellen sich die zerbeulten Radkappen von Monika Grabuschnigg "crash (simulation)", vor allem aber dominiert eine Installation von HC Playner zur Burschenschaft Hysteria, die nur aus Frauen besteht.

Disparates Gestänge

In der großen Halle oben funktioniert der heute in der Gegenwartskunst typische Einbau disparaten Gestänges, von Vorhängen und Einzelwänden für eher kleinteiligen Arbeiten und Zeichnungszyklen nicht, wenngleich hier auch Größen wie Andreas Siekmann mit seinen Plastilin-Köpfen und Videos oder Oliver Ressler mit seinen Figuren einer "New model army" - wobei eine auch am Eingang empfängt - mit größeren Installationen zugegen sind. Victoria Lomaskos große Wandmalerei "Under water" führt stilistisch in die Zeiten des Kalten Krieges zurück. So bleibt denn trotz vielen wichtigen Positionen von Ines Doujak über Alice Creischer bis Phil Collins irgendwie der rote Faden beschränkt auf die heute nicht mehr ausklammerbaren Themen wie Konsumkritik, Umwelt, Frauen und postkoloniale Auseinandersetzungen. Neue künstlerische Vorschläge für die Träume vom guten Leben sind es nicht, aber sie entsprechen dem, was an breiter Mischung üblicher Intentionen einer kritischen Kunstszene heute erwartet wird.