Abstrakter

Realismus

(cai) Kunst ist etwas ganz Natürliches. Aber natürlich ist sie auch ein bissl künstlich, sonst hieße sie ja nicht Kunst, oder? In der Galerie Jünger befasst sie sich zumindest grad mit der Landschaft und die ist bekanntlich voller Natur.

Hubert Roithner - "Vorfrühling", Yvonne Oswald - "Verborgene Landschaften": Zwei separate Einladungskarten für eine Ausstellung, die freilich mehr ist als die Summe ihrer Teile. Nämlich ein harmonischer Dialog (nicht gleichbedeutend mit fad) zwischen Malerei und Fotografie, durch den man die beiden "Gesprächspartner", ihre Gemeinsamkeiten und Eigenheiten, nur umso besser kennenlernt, als wenn jeder ein "Selbstgespräch" führen würde. Beim Hubert Roithner scheint die gemalte Natur aus der puren Natur der Malerei zu erwachsen. Aquarellig "ausblühende" Flecken in freien Rhythmen und Akzente in härterem Weiß wecken landschaftliche Gefühle, Assoziationen an verschneite Gipfel, die sich wie eine ferne Sehnsucht aus erdigen, feuchten Gefilden erheben, an bewaldete Hänge, eine Natur, die in erwartungsvoller Farbstimmung grad aus dem Winterschlaf auftaut.

Während sich der Maler auf die Landschaft zubewegt, ist die Fotografin Yvonne Oswald schon von Anfang an dort und wirft abstrahierende Blicke auf sie. Schaut in die genau andere Richtung. Entdeckt auf dem Großglockner quasi den Mars (ein zerklüftetes, "außerirdisches" Rot), ein Ufer geht schwimmen, spiegelt sich pittoresk im See, das Land verflüssigt sich im Regen zum "Aquarell". Strukturen überall. Zwei, die sich im Niemandsland zwischen Realismus und Abstraktion herumtreiben (oder eigentlich an beiden Orten gleichzeitig) und die ihr jeweiliges Medium mit souveräner Zurückhaltung beherrschen.

Galerie Jünger

(Paniglgasse 17 a)

Hubert Roithner und

Yvonne Oswald, bis 20. April

Di. - Fr.: 14 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 14 Uhr

Pixel ohne

P-Neid

(cai) Hil de Gard - klingt niederländisch. Auf Deutsch soll "gard" jedenfalls "Schneebesen" bedeuten (hab’s gegoogelt). Stammt da jemand also vielleicht aus einem uralten holländischen Bäckergeschlecht? Nein, aus Vorarlberg.

Aufgewachsen dort und in der Schweiz, lebt Hil de Gard mittlerweile aber in Wien. Ihren deutschen Vornamen hat sie irgendwann kurzerhand zerstückelt, wie sie überhaupt gern mit Sprache und Schrift arbeitet. Mit Zeichensystemen. Grenzen verschwimmen lässt zwischen Bild und Symbol, Zeichnung und Zeichen. In der Galerie Lindner zeigt sie nun ihre "Geduldige Kunst". Das meiste davon auf Papier und dem sagt man ja auch viel Geduld nach. Die Künstlerin braucht selbst einiges davon. Papier? Ja, und mehr noch Geduld. Etwa wenn sie das lateinische Alphabet in hyperaktive Strichmännchen übersetzt und dann Sätze wie "What you get is what you see" (he, WYSIWYG andersrum: WYGIWYS) beharrlich wiederholt. Körpersprache als Code - ob da ihre Tanzpädagogikausbildung durchschlägt? Apropos schlagen: Mit Radschlagen hat sie früher einmal aktionistisch auf den Zug gewartet. (Bekanntlich eine Turnübung, nicht die Misshandlung eines Fortbewegungsmittels.)

Für ihre "Piktogrammwörter" nutzt sie die visuelle Kommunikation des Alltags, setzt sie die "Gretchenfrage" oder die "Umgangssprache" aus diversen Icons zusammen. Für die "Sprichwortreste" (". . . DEN BREI", ". . . B SAGEN") oder ihre angeknabberte Mona Lisa ("La Gioconda rosicchiata", trotzdem ohne Bissspuren) reicht ihr gar ein einziger Buchstabe: x. Ein Kreuzl. Hm. Ist der Kreuzstich eigentlich das "weibliche" Pixel? Ein Xel (sprich: Iksel)? Allerdings ohne P-Neid. Oh, die mit Pfotenabdrücken bestickte Bettwäsche ist was für Leute, die im Bett lesen! (Okay, bloß was für Fährtenleser.) Das Verhältnis zu den Gegenständen spielt sowieso eine Rolle. Bei jedem einzelnen Wort. Wenn Hil de Gard aus Draht einen Sessel zeichnet und davor einen lateinisch-deutschen Mini-Langenscheidt platziert, ist das womöglich gar kein Sessel. Nicht einmal ein Stuhl. Das ist eine "sella, -ae". Und eine Rolle ist eine Rolle ist eine Rolle kann viele Rollen übernehmen. Die Statistenrolle, Schaumrolle, selbst "Fahrscheinkontrolle" ist auf eine der Klebebandrollen gedruckt. Semiotik mit künstlerischem Mehrwert.

Galerie Lindner Wien

(Schmalzhofgasse 13/3)

Hil de Gard, bis 20. März

Do., Fr.: 14 - 18 Uhr