Einsamkeit war bis vor kurzem das exotische Gefühl im Normalgetriebe: Selbst die Stadtnacht zeigte sich, hell erleuchtet, als Auslaufmodell, es ging die Furcht vor ihrem Ende im Lichtsmog um. Nun sind die Tage so still und einsam wie die Nächte vor der Moderne. Unsere Situation der Abgeschiedenheit in Häusern rief bereits eine Überlegung auf Twitter hervor, die sich auf den Maler einsamer Großstadtmenschen im New York der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezog: Gefühlsmäßig erinnert unser Zustand tatsächlich an die gar nicht verstaubt wirkenden Gemälden des Amerikaners Edward Hopper (1882-1967). Ihre Aktualität ist kein Zufall, bildete er doch mit Vorliebe isolierte Menschen in der Großstadt ab. Hopper war ein introvertierter Mensch und er malte meist seine Frau Josephine einsam in beleuchteten Zimmern sitzend, neben der Wohnung auch in Hotels oder im Zugabteil, in leeren Kinos, Theatern oder Cafés. Die Ambivalenz ist es, die uns heute daran nach wie vor fasziniert: Zur nächtlichen Stunde stehen wenige Menschen in hell erleuchteten Räumen in seltsamer Distanz zueinander. Es ist das Porträt von Metropolen, in denen Alter Egos ein anonymes Stadtleben führen, das frei macht, aber auch Leere erzeugt. Erika Billeter nannte die Einsamkeit in Hoppers Bildern eine Begleiterscheinung der Melancholie.

Wenigstens kein
monströses Getier

Das Besondere ist Hoppers Lichtführung zwischen Barock und Filmindustrie, die meisten Gemälde porträtieren nur die Stadtnacht, das lädt die scheinbare Belanglosigkeit der Inhalte auf und erzeugt eine lange Kette von Bildern der Einsamkeit im Kopf, die schon in der Antike eine besondere Anziehungskraft auf Künstler und Betrachter ausübten. Wir suchen uns immer Werke, mit deren Inhalten wir uns identifizieren können, derzeit sind dies Gemälde oder Fotos mit dem Lebensgefühl Einsamkeit, weil sie durch Verdoppelung tröstlich auf uns wirken. Geht es dem Gegenüber noch schlechter als dem Selbstbildnis Francisco Goyas in der berühmten Radierung "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer" 1799, atmen wir auf, denn wir sind nicht bedroht von allerlei monströsem Getier, auch wenn die Fledermäuse als Überträger des Coronavirus gelten.

Frauen und Männer, die in Bildern mit Buch auftreten, Studierende mit Lampe, die sich für ihre Wissenschaft auch nachts abmühen, sind seit der Renaissance wichtiger Topos für Fleiß, sei es künstlerischer oder forschender. So zeigt auch noch Hopper seine Jo gerne als nachts Lesende und damit als Typus, der nach Francesco Petrarca für Melancholie steht. Seit Aristoteles ist bekannt, dass alle großen Männer Melancholiker sind, nach Platon berührt vom "furor divinus", dem göttlichen Wahn. Im 15. Jahrhundert machte neben Petrarca Marsilio Ficino daraus das Bild des genialen Melancholikers. Besonders Michelangelo, aber auch Raffael waren die nobilitierten Nachtarbeiter, die aus der Konstellation unter dem Sternzeichen des Saturn ihre Meisterwerke schufen.

Das Bild des erhabenen Genies wirkte weiter, nur aus der Weltflucht Großes schöpfend - das ist noch bei Beethoven so, selbst Peter Handke lässt seine Muse Kali nachts sprechen in der "Morawischen Nacht". Max Klinger setzte Beethoven aus vielen edlen Steinen und Metallen 1902 auf einen Thron in der Beethovenschau der Secession. Heuer ist ein Beethovenjahr, dem romantischen Pathos des einsamen Genies wird wieder gehuldigt, auch wenn wir das Bild ironisieren bis zum Kitsch. Von Goya, Klinger, William Turner und Auguste Rodin bis zum Bruch mit dem Pathos bei Rebecca Horn wird Beethoven demnächst im Kunsthistorischen Museum gefeiert. Trotz Geniewahn zeigte sich schon bei Klinger 1880 Ambivalenz, indem er ein einsames Skelett malt, das ins Wasser pinkelt ("Der pinkelnde Tod" im Leipziger Museum).

Noch vor 1500 unterscheidet Ficino in der Kunst die tragische, wahnsinnig machende schwarze Melancholie von der weißen, der schöpferischen. Nach der personifizierten Melancholie von Albrecht Dürer warnen barocke erotische Schönheiten, doch mehr Einkehr im Gebet zu üben, die religiöse Paradegestalt dabei ist die in der Höhle meditierende Maria Magdalena, gemalt von Tizian, Guido Reni, aber auch dem Lothringer Georges de La Tour, der während einer Pestepidemie Menschen an seinem Wohnort verhungern ließ, obwohl seine Scheunen gefüllt waren. Die Heilige hält neben der Bibel einen Totenkopf in Händen, der uns erinnert, dass gesteigertes Ich-Bewusstsein mit dem Todesbewusstsein identisch ist. Eros und Thanatos gehen für Betrachter aber erbauliche Duette ein, wir bestätigen unsere Gefühle wie vor einem Spiegel, müssen uns aber nicht weiter auf die Realität einlassen - Melancholie als Poesie ohne Abgrund. Bei John Milton und William Shakespeare wird sie zur Schutzgöttin, auch wenn in schweren Fällen wie der selbstmörderischen Ophelia die Traurigkeit beim Genießen überwiegt: Es sind von Eugene Delacroix, den Präraffaeliten bis zu den Symbolisten schöne Leichen im Wasser, die Elisabeth Bronfen wie die vielen kranken Mädchen und Frauen in Gemälden des Norwegers Edvard Munch als typisch schwache Frauenbilder des patriarchalischen 19. Jahrhunderts beschreibt.

Caspar David Friedrichs Einsame in der Natur

Weniger selbstmörderisch, doch theatralisch steht Gilles, der weiße Pierrot des Malers Antonie Watteau, einsam vor seiner Komödientruppe, hier dreht sich als Umkehrbild der Scherz ins Tragische. In der Romantik war Caspar David Friedrich Parademaler der Einsamen in der Natur, die damals allen viel zu abstrakt erschien. Es sind nicht nur Männer wie der "Wanderer über dem Nebelmeer" oder der "Mönch am Meer", auch Frauen, Rückenfiguren am Fenster, in Gärten oder die Frau mit Raben im Gebirge, am Abgrund stehend oder im tiefen Wald unter einem Spinnennetz sitzend - er macht aus der religiösen Paradegestalt das moderne Bild der Einsamkeit. Die isoliert Wandernden wenden sich auch den Eiswüsten zu, je anonymer, desto besser für unsere Identifikation, denn auch rätselhaft bleiben einsame Ruderer in Nachstücken von James McNeill Whistler oder James Ensor, auch die nach Schiffsuntergängen Gestrandeten oder freiwilligen "Robinsons".

Frauen, die
sich einschließen

Frauen, die sich vor der Welt verschließen wie eine Unbekannte in "I lock my door upon myself" des Symbolisten Fernand Khnopff, zeigen sich vor Hauswänden, am Fenster, vor leeren Tischen, mit auf die Hände gestütztem Kopf. Denk- und Melancholie-Geste wird bei Hopper oder auch im Werk des zweiten Malers nächtlicher Großstadtbilder, Paul Delvaux, abgelöst von surreal steif stehenden oder sitzenden Mädchen und Wachleuten, Kellnern oder Trinkern, die wie bei Munch als unglückliche Vertreter psychologisch aufgeladener Nachtstimmungen von der Isolation zermürbt wirken. Wie wichtig dabei die Farben sind, um unsere seelischen Abstimmungen einzufangen, wussten diese Maler genau.