Im Gegensatz zu den großen Museen, die ihre Ausstellungen meist in den Herbst verschoben haben, setzt das Schönberg Center auf digitale Erschließung und eröffnete die Ausstellung "Mit Schönberg in die Natur" für Recherche am Computer. Die einzelnen Exponate der Schau sind mit Worten, Bildern und Filmen zugänglich, jede Woche kommen neue dazu, die mit genauer Beschreibung durch Kuratorin Therese Muxeneder meist weiterführende Verweise auf Texte anderer Autoren zu einzelnen Bereichen der Schönbergforschung enthalten. Die Objekte mit der Nummer 1 und 8 sind zwei von Arnold Schönberg 1910 gemalte "Nachtstücke", die mit seinem 1899 in der Sommerfrische in Payerbach im Spätsommer komponierten Opus 4, der berühmten "Verklärten Nacht", in Zusammenhang gebracht werden.

Romantische Nacht

Schönberg und sein romantischer Zugang zur Nacht in der Natur kann dabei gleich einmal über einen Film auf YouTube musikalisch miterfasst werden: Die "Verklärte Nacht" ist in einer Aufführung durch Pierre Boulez zu hören, während das bekannte Bild "Der rote Blick", einer der visionären Köpfe des Malers von 1910 aufscheint. Dazu sind Notenblätter, Fotografien und Filmdokumente des Komponisten zugänglich, eines bringt das Interview von 1949, in dem Schönberg (mit wunderbar wienerischem Akzent seines an sich wortreichen Englisch) Malerei mit Musik gleichsetzt, da beide einen expressiven Ausdruck seiner Ideen und Gefühle darstellten und das besser als durch Worte. Doch er gibt in Bezug auf seine Malerei zu bedenken, dass er ohne Ausbildung ein "absoluter Amateur" sei, auch wenn seine Technik langsam besser geworden sei durch "Studien großer Meister". Doch habe er noch vor der Emigration nach Amerika aufgehört zu malen. Objekt 1, das gemalte "Nachtstück", zeigt in Draufsicht eines erhöht stehenden Betrachters ein Haus, vor dem ein Weg mit Bäumen an einem Kai sichtbar wird, auf dem ein Einsamer in der Dunkelheit einem Paar folgt, das wie er von seltsamen Schatten begleitet wird. Ausgehend von diesem ohne Ambition den damals herrschenden Schönheiten des Jugendstils nahe zu kommen, locker und roh in Öl mit den Farben Braun, Grün, Ocker, Grau und Schwarz gemalten Nachtbild, ist es möglich einen Text von Wassily Kandinsky anzuklicken, der sich 1912 mit der unangepassten, daher für ihn avantgardistischen Malerei Schönbergs befasst hat.

Kandinsky lud Schönberg zur ersten Schau des "Blauen Reiter" nach München ein, auch im Almanach der Gruppe scheint er auf. 1912 schrieb Albert Paris Gütersloh zu Schönbergs Malerei einen Text, für ihn war er wie Henri Rousseau ein "Primitiver" auf prähistorischen Pfaden. Dies macht es möglich, neue Forschungsfragen in Sachen Schönberg vorzuschlagen.

Der Outsider

Da sich Schönberg als "Outsider" im Interview 1949 in Sachen Malerei bezeichnete, eröffnet sich die Parallele zu Jean Dubuffet Begriff Art Brut, die 1947 der Kunst große Anregungen vermittelte. Damit ist zu überlegen, ob die gewollte Unbeholfenheit neben Psychogramm und geistiger Innenschau nicht Teil des absichtlichen "Verlernens" und der "Emanzipation der Dissonanz" (Werner Hofmann) als Credo der Moderne gilt. Schönbergs Malerei ist aus kunsthistorischen Randzonen berechtigt ins Zentrum gerückt. Die kritische Sicht von etwa Thomas Zaunschirm auf die spröde Unsicherheit sollte aber nicht aus den Augen verloren werden.

Weitere digital zugängliche Bilder oder Objekte mit Verlinkungen zu Texten und Filmen sind neben Gartenszenen Tagebücher Schönbergs und Bücher aus seiner Bibliothek. Dabei wesentlich für die "Verklärte Nacht" oder die dunklen Landschaften sind Anregungen aus der Lyrik Richard Dehmels "Weib und Welt" von 1899, auch spätere Bemerkungen von 1950 über die allerersten Anregungen für Töne und Farben durch die Schönheit der Natur selbst. Doch stand Schönberg wie Kandinsky immer die "Wiedergabe der inneren Natur" weit über der Naturnachahmung.

Es fehlt nur ein Videorundgang, um diesen interessanten Besuch abzurunden.