Es geht um unsere Gesundheit. No na, worum sonst? Seit Wochen gibt es kein anderes Thema mehr. Den Thomas Zipp interessiert in seiner imposanten und gedanklich höchst komplexen Installation allerdings anscheinend eher das SEELISCHE Wohlbefinden. Wobei: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, oder? (Und ein gesunder Körper in einer gesunden Welt.) "world health. Mental health 2020" – ein medizinisches Seminar könnte genauso heißen wie diese Ausstellung, die übrigens Corona-negativ ist. Nirgends kommt es jedenfalls vor, dieses pandemische Wort mit C.

Eine alte Fotografie aus den 1950er Jahren (wichtig aussehende Männer mit Augengläsern bei einer Konferenz der WHO zur Frage der mentalen Gesundheit) hat er mit der Jahreszahl 2020 auf jung getrimmt, der Thomas Zipp, und damit in die Räumlichkeiten der Galerie Krinzinger geladen. Und damals, Ende Februar, wurden Ausstellungen sogar noch eröffnet, während sie heute halt einfach "offen" sind. Offen unter Anführungszeichen. Meist nur gegen Voranmeldung nämlich. Einen Termin muss man sich auch hier vereinbaren, wo die vielen verwaisten Stühle inzwischen herumstehen wie befremdliche Relikte aus der Vorzeit, aus der "alten Normalität". Stumme Zeugen einer Vergangenheit, in der man sich noch neben andere Leute hinsetzen hat können, ohne vorher ein Maßbandel auspacken zu müssen. (Nicht, dass es sich in den Galerien außerhalb der Vernissagen so gestaut hätte.)

- © Foto: Galerie Krinzinger
© Foto: Galerie Krinzinger

Zum Pfarrer oder zum Psychiater?

Gleich zu Beginn muss man eine Entscheidung treffen. Ach, blaue oder rote Pille? Und wenn man die blaue schluckt, ist alles wieder wie früher und man kann dieses Virus endlich vergessen und weitermachen wie bisher? Schön wär’s, aber nein: rechts oder links. Weil geradeaus rennt man gegen eine Wand. Gegen eine Wand voller Köpfe. Puppenköpfe. Und befindet sich diese obskure Psyche nicht im Schädel? In die Kirche also (im rechten Teil der Galerie) oder in die Therapie (im linken). Fürs Seelenheil beten oder sich lieber ein Rezept ausstellen lassen. Spiritualität oder Chemie. Hostie oder Tablette. Zum Pfarrer oder zum Psychiater. Als dieses eindrucksvolle Gesamtkunstwerk aus Körper und Geist, aus Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Sprache und Performance aufgeführt worden ist, war ja tatsächlich ein Psychiater (und Psychoanalytiker) anwesend und hat eine Eröffnungsrede gehalten: August Ruhs.

Oder war das eine Gruppentherapiesitzung? (Drogen hat er selbstverständlich keine verabreicht. Bei einer säkularen Eucharistiefeier.) Und eine Priester-in, die kunstbegabte Philosophin (oder philosophische Künstlerin?) Elisabeth von Samsonow, hat von der Kanzel gepredigt. Von einer Kanzel, die echt nix für Personen mit Höhenangst ist. Außer sie wollen eine Konfrontationstherapie machen. Ich zumindest hätte mir an der Stuckdecke beinah die Psyche angestoßen. Tolle Aussicht und perfekt geeignet fürs Social Distancing. Selbst Lesestoff wäre vorhanden. Der erste Satz auf der aufgeschlagenen Seite: "Errors, like death and taxes, are certain." (Fehler sind so sicher wie der Tod und die Steuern.) Na ja, wären die Menschen unfehlbar, bräuchten sie kein Rechtschreibprogramm. (Von Tippfehlern handelt die zitierte Stelle offenbar.)

Apropos Kanzel. Hinter einem brennenden Kreuz (ELEKTRISCHES Feuer natürlich, also künstliches Licht – "Ich bin das Licht der Welt") hat sich Zipp eine Kapelle eingerichtet. Altar, Kanzel, Orgel, Taufbecken (oder vielmehr –kübel), Abendmahlskelch. An den Wänden ein klassischer Kreuzweg, ein Bilderzyklus mit den Stationen der Passion Christi. Die Titel sind freilich etwas irritierend. Kreuztragung: "Everything worth having hurts." (Alles, was es zu besitzen lohnt, tut weh.) Jesus stirbt am Kreuz: "Pain doesn’t make you miserable!" (Schmerz macht dich nicht unglücklich/nicht griesgrämig.) Doch spätestens wenn die Maria ihren Sohn beweint und auf dem winzigen Taferl daneben steht: "Don’t emotional blackmail people, you are responsible for your own life!" (Tu die Leute nicht emotional erpressen, für dein Leben bist du selbst verantwortlich!), fragt man sich: Is der wo ang’rennt? Das kommt eben davon, wenn man die Sprücherln nicht dem CHRISTLICHEN Bestseller entnimmt, sondern zwei WELTLICHEN Bibeln. Zwei Lebensratgebern. Zwar nicht einem roten und einem blauen Buch, dafür einem roten ("The Rules of Love" – die Regeln der Liebe) und einem grünen ("The Rules to Break" – in etwa: die Regeln, die man ruhig brechen kann). Ist der trotzdem wo ang’rennt? Und braucht mein Handy eine Brille? Schließlich hat es mich beim Fotografieren der maskenhaften Gesichter, denen der Maler die Augen rausgeschnitten hat, darauf hingewiesen: "Jemand hat möglicherweise geblinzelt."

"Schluckst du die blaue Kapsel . . ."

Das weltliche Gegenstück IST dann eigentlich überhaupt nicht so weltlich. Ein Andachtsraum der Pharmaindustrie. Dort wird eine riesige Pille als Götzenbild angebetet. Tschuldigung: eine Kapsel. Medizin und Religion müssen sich ja nicht unbedingt ausschließen. Ohne Glauben an die Arznei kein Placebo-Effekt. Der deutsche Künstler, Universitätsprofessor und ehemalige Schlagzeuger einer Punkband vermischt die Sphären sowieso dauernd ungeniert. Die wissenschaftliche mit der spirituellen. Ratio und Emotio. Beschäftigt sich seit Jahren mit der Psychophysik. Und nicht zuletzt teilt er seine lebensgroßen zwölf "Apostel" gerecht auf beide Bereiche auf. Androgyne Demonstranten (oder Stehlampen? oder beides?), in der einen Hand ein Schild, in der andern eine Glühbirne (das Licht der Erkenntnis?). Und mit ihren Gummistiefeln stapfen sie durch den irdischen Matsch. Theoretisch. Sichtbar "geerdet" sind sie nicht. Okay, ihre Botschaften sind nicht immer so eindeutig wie: "No!" Was soll mir zum Beispiel "Pattex" sagen? Hm. Ego sum pattex mundi? Ich bin der Kraftkleber der Welt? (Kleben statt Bohren.)

Im Kult-Science-Fiction-Film "Matrix" wird der Hauptfigur Neo wenigstens noch die Wahl gelassen zwischen Realitätsverweigerung und sich einer surrealen Wirklichkeit zu stellen. ("Schluckst du die BLAUE Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das, was du glauben willst. Schluckst du die ROTE Kapsel, bleibst du im Wunderland. Und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus.") Der Thomas Zipp bietet uns keine so klare Lösung an. SEINE Kapsel (auf einem Andachtsbild, das quasi die Quintessenz der Schau enthält) ist halb blau und halb rot. Passt ja irgendwie zur "neuen Normalität". Wie ein weißes Kaninchen mit Mund-Nasen-Schutz.