Vor Corona ist man in eine Galerie einfach reingegangen – und jetzt? Hat die Galerie Hilger sogar einen Türsteher. Aber der ist eine Flasche. Eine Flasche Desinfektionsmittel. Zum Händedesinfizieren. Damit keine Viren die Ausstellung besuchen. Dabei darf man die Kunst doch eh nicht anfassen. Okay, die Kunst vielleicht nicht, den Klingelknopf dafür schon. Denn neuerdings muss man läuten.

"Porträt und Landschaft" – sachlicher geht’s eigentlich gar nicht. Und trotzdem hab ich über diesen Ausstellungstitel schmunzeln müssen (besonders über den Teil mit dem Porträt), nämlich sobald mir die Ironie bewusst geworden ist, dass Porträts in der Regel das Gesicht von jemandem zeigen und ich selber ja nur "ohne" in die Galerie rein darf und dass man wegen des Mund-Nasen-Schutzes nicht einmal MITKRIEGT, wie ich grad grinse. Der Andy Warhol und der Jean-Michel Basquiat von Daniele Buetti schauen nun definitiv anders aus als vor Corona. Schließlich hat der Schweizer aus den beiden Stars das ideale Gegenüber für den narzisstischen Betrachter der Generation Selfie gemacht, indem er in ihren Porträtfotos die Physiognomie kurzerhand durch einen Spiegel ersetzt hat. Und als ich in den jeweiligen hineingesehen habe, hätte ich mich beinah nicht erkannt (mit dem "Zensurbalken" über Mund und Nase). Warhol und Basquiat hatten ja wenigstens ihre markanten Frisuren.

Im Selfie-Zeitalter will sowieso jeder bloß sich selbstsehen: Daniele Buetti hat Jean-Michel Basquiats "störendes" Gesichtkurzerhand beiseitegeschoben und durch einen Spiegel ersetzt. 
  
 
- © Daniele Buetti/galerie ernst hilger

Im Selfie-Zeitalter will sowieso jeder bloß sich selbstsehen: Daniele Buetti hat Jean-Michel Basquiats "störendes" Gesichtkurzerhand beiseitegeschoben und durch einen Spiegel ersetzt.

 

- © Daniele Buetti/galerie ernst hilger

Selbst Arnulf Rainer hat es sich verkneifen können, Marilyn Monroe mundtot zu machen, mit seinen – einfühlsam – resoluten Strichen ihr Lächeln auf dem intimen Blatt komplett auszuradieren. Ein fast verstecktes Highlight der Schau, die einen kleinen Einblick ins Galerieprogramm gewährt. Auch zwei Maos sind aus dem Lager geholt worden, mit sonnigen Farben und in poppiger Frische gemalt vom Isländer Erró, der sich durch kreatives Aneignen und Rekombinieren seinen eigenen unverwechselbaren Kosmos erschaffen hat. Und beim Franz Ringel erfüllen fiebrige, fahrige Linien insgeheim doch die Aufgabe eines Porträts ("künstlerische Darstellung einer Person"), vermischen sich Gesicht und Geste zur "Psychognomie". Beziehungsweise zum Profil von W. Bauer (eindeutig der WOLFGANG Bauer, wer sonst?). He, maskiert ist ebenfalls einer: "The Spirit", der Verbrecherjäger mit Anzug, Hut und – Augenbinde, der aus einem 40er-Jahre-Comic ins 21. Jahrhundert und auf Mel Ramos‘ Leinwand gesprungen ist und über den ich bloß deshalb lachen hab müssen, weil ich plötzlich an diesen Witz auf Facebook denken habe müssen. Sagt einer mit Mund-Nasen-Schutz zu Zorro, dem Rächer der Armen: "Du hast die Maske falsch auf."

In der Landschaftsabteilung: die Natur der Malerei. Nikolaus Moser lässt die suggestive Farbmasse wie Moos wachsen, und während Peter Krawagna mit wenigen duftigen Flecken auskommt, um Landschaftliches anzudeuten, ist dem Gunter Damisch die ganze WELT nicht genug, expandiert bei ihm die Unendlichkeit mit ihren dichten Wegenetzen über die Bildränder hinaus. Und wenn man so will, verfasst der einzigartige Hans Staudacher mit seiner informellen Kritzelschrift abstrakte Naturlyrik: skripturale Spuren auf sentimentaler Farbstimmung. Nicht, dass man Porträt und Landschaft nicht auch kombinieren könnte. Oder Fotorealisten keine Romantiker wären. Vorne trägt eine gewisse Olya ein Make-up aus Sonnenlicht, das ihr einen strahlenden Teint verleiht, und wird vom Wind frisiert, hinten löst sich ein Wald in atmosphärische Unschärfe auf. Ein Aquarell wie ein delikater Hauch (von Yigal Ozeri).

Schön, endlich wieder einmal auf richtige Wände zu schauen. Mit richtigen Bildern drauf. Ein virtueller 3D-Rundgang (https://ernsthilger.visitour.at) ist eben lediglich eine Notlösung. Kunst muss man in echt erleben. Sonst ist sie nicht real.