Der Tiroler Konzeptkünstler Lois Weinberger, der in der Nacht von 20. auf 21. April in Wien gestorben ist, war ein Poet mit einer Botschaft: Kunst aus der Natur, die Natur zur Kunst erklärt. Pflanzen als Botschafter von Migrationsbewegungen, das Grün als anarchischer Aufbruch scheinbar geordneter Ziegel- und Betonwelten.

Schon 1970 begann Weinberger in Stams, wo er am 24. September 1947 zur Welt gekommen war, mit einer "fragmentarischen Bestandsaufnahme" des Ortes. Sie bildete die geistig-philosophische Grundlage seiner künstlerischen Auseinandersetzungen im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation. Alle seine Bilder, Fotos, Objekte, Filme und Arbeiten im öffentlichen Raum reflektieren die Vegetation.

1991–92 entwirft Weinberger den "Wild Cube" – eine Stahlgitter-Konstruktion, in der Pflanzen ohne ohne mesnchliche Eingriffe wachsen. Die Abzirkelung des Raums erklärt die unbehinderte Vegetation zur Kunst.

Lois Weinbergers "Garten 2018" im Pariser Jardin des Tuileries. - © APAweb / APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN
Lois Weinbergers "Garten 2018" im Pariser Jardin des Tuileries. - © APAweb / APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN

Dann wieder reißt Weinberger während der Salzburger Festspiele 1993 auf dem Platz vor der Szene Salzburg den Asphalt auf und überlässt das acht Quadratmeter große Gebiet sich selbst. 1997 wird diese Arbeit zur documenta X auf dem Parkplatz des Kulturbahnhofs und 1998 in Tokio erneut installiert.

Politische Statements

Der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog (r.),  documenta-Leiterin Catherine David und der Kasseler Oberbürgermeister Georg Lewandowski betrachten bei der Eröffnung der documenta X im Jahr 1997 Lois Weinbergers mit Neophyten bepflanztes Bahngeleis. - © APAweb / APA/dpa/Oliver Berg
Der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog (r.),  documenta-Leiterin Catherine David und der Kasseler Oberbürgermeister Georg Lewandowski betrachten bei der Eröffnung der documenta X im Jahr 1997 Lois Weinbergers mit Neophyten bepflanztes Bahngeleis. - © APAweb / APA/dpa/Oliver Berg

Ebenfalls zur documenta X bepflanzt Weinberger ein stillgelegtes Bahngleis von 100 Metern mit Neophyten aus Süd- und Südosteuropa: Die Metapher für die Migrationsprozesse war unübersehbar - Pflanzen als Kunst, Kunst als politisches Statement, das auch den Sprachgebrauch kritisch reflektierte, denn die von Weinberger verwendeten Pflanzen gelten umgangssprachlich als Unkraut. "Wiener Zeitung"-Kunstexpertin Brigitte Borchhardt-Birbaumer dazu: "Die Pflanzen sind integraler Bestandteil eines Nachdenkens über Zeit, Raum, Veränderung und die wichtigen Dinge im Leben." Die Arbeit wird kontinuierlich gepflegt und existiert weiterhin als Kunstwerk in Kassel.

2009 wurde Weinberger in den österreichischen Pavillon der Biennale Venedig eingeladen und schuf zusammen mit seiner Frau Franziska mit "Laubreise" ein Asyl für Vegetation: Eine frei zugängliche Holzhütte beherbergte einen Quader aus Drahtgitter, der in den folgenden Jahren mit Laub, Ästen und Grasschnitt aus den Grünanlagen des Erste Campus befüllt wurde. 2017 wurde Weinberger zur documenta 14 in Athen und Kassel eingeladen.

Weinberger im Wortlaut: "Belassene Gärten der Vielfalt entsprechen heutigen Dringlichkeiten / dem Bemerken von Zäsuren / Verbindungen und ihren Vibrationen / den Garten als Zeichen des freiwilligen Verzichts / der Gelassenheit / des Nichteingreifens zu sehen. Brachen / Peripherien sind Gärten und Orte / in denen sich die Grenzen als Bewegtes / Unsicheres zeigen." (eb)