Das Gärtnern stellte sich zuletzt als eines der krisenfesten menschlichen Vergnügungen heraus, für den Philosophen Francis Bacon war es 1525 das "reinste". Den Garten als Kulturtheorie unter demokratischen und ökologischen Aspekten verfolgte Lois Weinberger zeitlebens.

Österreichs bekanntester Konzeptkünstler starb in der Nacht vom 20. auf den 21. April. Sein kritischer Blick griff auf umfassende Recherchen über das gestörte Verhältnis zwischen Natur und Kunst zurück. Visionär gab er Themenkreise vor, die uns seit Jahrzehnten umtreiben: Umwelt-, Migrations- und Demokratiefragen, er nahm damit künstlerische Forschung und postkoloniale Betrachtungsweise vorweg.

Sein Tod durch einen Herzinfarkt kam völlig unerwartet während Planungen für eine große Ausstellung, die nun zur Gedächtnisschau werden wird. Seit 1999 trat der Künstler im Duo mit seiner Frau Franziska auf, die oft auch gemeinsam teils performative Projekte im öffentlichen Raum ausführten. Die Arbeit als Künstlerpaar passte sehr gut in die demokratische Auffassung des Schöpfers eines "Hauses der Möglichkeiten", von "Wegwarten" und von zahlreichen anarchischen Asylen für wilde Vegetation, die ohne Pflege wuchern dürfen. Weinberger entwarf eigene "Wild Cages" oder "Wilde Cubes", hütten- oder containerartige Käfige aus Eisenstangen, in deren Inneren völlig ungehindert zugeflogene Bäume, Sträucher und Unkraut wachsen dürfen.

Gartenunkultur

Lois Weinbergers "Baumfest", 1977, zeigt seine Nähe zur Volkskunst. - © L. Weinberger
Lois Weinbergers "Baumfest", 1977, zeigt seine Nähe zur Volkskunst. - © L. Weinberger

Diesen Ruderalen galt sein besonderes Interesse, von uns als unschön und nutzlos angesehene Pflanzen, die wir meist ausreißen und die er als Kind im Nutzgarten des elterlichen Bauernhauses entfernen musste, obwohl sie resistente Arten sind, die selbst in Randzonen der Städte mit ganz wenig Wasser existieren können. Im fortschreitenden Klimawandel ideal, verbreiten sie sich durch Samenflug oder können nach einem Ruderaltransfer aus anderen Gegenden leicht anwachsen. Was wir in Wien als "Gstettn" bezeichnen, faszinierte Weinberger und alle jene, die Kultiviertheit und Zivilisationsordnungen zugeschnittener Hecken und Rasenflächen als Last empfinden und die menschliche Naturgeschichte als Domestizierung und Zerstörung. Das offene System mit Seitenrändern und Trivialnamen für Pflanzen erinnert an Carl von Linnés "Systema Naturae" von 1735, das von den Nationalsozialisten verbotenen wurde.

Frei danach die Artenvielfalt erweiternd, legte Weinberger von 1988 bis 1999 einen Distelgarten an, aus diesem "Gebiet" resultierten eine Samenbank und ein "Gartenarchiv" mit hunderten Diapositiven als künstlerisches Dokument; 2000 war es im damaligen 20er Haus (heute 21er Haus) zu sehen. 1994 besuchte er die Reste des ehemaligen Todesstreifens neben dem Brandenburger Tor, wo noch ungehindert Ruderale wuchsen und er seine Lieblingsdistel Onopordon acanthium (Krebs- oder Eselsdistel) vorfand - auf einem bekannten Foto sieht man den Stipendiaten des Künstlerhauses Bethanien, mit einer Kanne vor dem Berliner Reichstag "seine" Disteln gießend.

Die künstlerischen Medien, die ihn beschäftigten sind zahlreich, es begann mit Materialien wie Stein, Metall, dann folgten Zement, Erde, gefüllt in Plastikbehälter, in denen er Pflanzen transportabel beließ, aber auch Fotografie, Film, Malerei und Zeichnung, schließlich erweitert durch Schrifttafeln und Texte wissenschaftlicher wie poetischer Natur. Von der durch Harald Szeemann angeregten "Spurensuche" mit archäologischen und ethnologischen Attitüden über die Land-Art bis zu Film, Performance und Konzeptkunst ist alles enthalten, womit die Kunst sich in den letzten 50 Jahren völlig verändert hat. Von der Eindimensionalität des Bildhauerischen verabschiedete sich Weinberger mit vielen losen Steinsetzungen, wobei er Blöcke wie in einem Ritual zu Figuren und Mauern umgeformt anordnete.

Im September 1947 in Stams in Tirol in eine Bauernfamilie geboren, lernte er Schlosserei und wurde Kunstschmied, doch schon damals faszinierte ihn Ethnologie und das "wilde Denken" des französischen Strukturalismus. Er begann eine fragmentarische Bestandsaufnahme seines Geburtsorts, die er ständig erweiterte, und diese "Feldarbeit" mündete schließlich in den Beitrag zur Documenta 14, 2017 in Athen und Kassel, "Debris Field", eine Kombination von ausgegrabenen Gegenständen rund um sein Elternhaus, die er in mit Glas bedeckten Schachteln, Modellen, Kartografie und Fotografie aufbereitete. Wertvolles und scheinbar Belangloses sind gleichwertig, jede Form von Hierarchien ausgeschlossen. Für Weinberger war der Garten eine Untersuchung weit weg von allein ästhetischen oder ökologischen oder gar wirtschaftlichen Kriterien; somit schwenkte er ins Soziologische wie Politische und die "Gebiete" machten ihn und uns zum Lehrling, weg von der herrischen Geste des Unterwerfens der Natur.

Tod und Schlaf

Als Lois Weinberger 1997 von Catherine David eingeladen wurde auf der Documenta 10 in Kassel ein stillgelegtes Bahngeleise mit seinen Ruderalen zu bepflanzen, wurde er auch in Österreich vom Geheimtipp zu einem der Künstler, der nicht nur die Objektkunst neu verhandelte, sondern unseren Umgang mit der Natur hinterfragte. Die zuletzt wieder erneuerte Bepflanzung versetzte Neophyten aus Süd- und Südosteuropa nach Norden, als Metapher für die vielen Migrationsprozesse unserer Zeit, die sich auf dem Geleise verbreiteten. Karge, transportable Dachgärten legte er auch für das Watari-Museum in Tokyo an, da im "fernen" Osten seine Arbeitsweise besonders geschätzt wird.

Die Inszenierung 2004 mit grüner Färbung des Gesichts als "Green Man" ging auf den Fund einer Muschel am Strand zurück, die er in Mondform zurechtgefeilte, sodass sie unter seine Nase passte - dieses Mondsymbol war für den Augenblick ein äußerst nächtliches Symbol, wie es auch an der Stirn der personifizierten Nacht- und Mondgöttin auftaucht. Deren Kinder sind Tod und Schlaf, hier war die eben erhaltene Diagnose Krebs mitbestimmend. "Green Man" ist an sich die keltische Entsprechung der meist weiblich gesehenen Natur, die Weinberger in den menschlichen Bezügen von der Antike bis heute in all ihren Wandlungen beschäftigte. Er ließ sich von byzantinischen Buchillustrationen inspirieren, kopierte zum Üben des Handwerks alte Gemälde, auch wenn er diese nicht ausstellte, waren sie Teil seiner Praxis, die immer von poetischen Texten begleitet wurde.

Weinbergers Vorträge auf der Documenta führten zu einer Professur in Karlsruhe, auch in Weimar am Bauhaus vermittelte er über seine wild wachsenden, poetisch humorvollen Texte eine Arbeitsweise, die seine Fundstücke und wuchernden Ruderalstrukturen zu wichtigen Gegenmodellen einer saturierten Konsum- und Wegwerfgesellschaft machen.