Die Farbe des Rauschens

(cai) Der übliche Dresscode: Maske auf. Was man sonst anhat, ist völlig egal. Oder auch nicht. Wenn man sich jedenfalls was Weißes anzieht, sieht man aus, als gehöre man zur Ausstellung. Tillman Kaiser malt nämlich nicht nur Bilder, er be-malt außerdem geometrisch abstrakte bis fantastisch figurative Kartongebilde in der klassischen Bildhauerfarbe Weiß. Und den "White Cube" hat er aus-malen lassen. In unklassischem Taubenblau.

"Harmolodic Substi" heißt die Schau in der Galerie Layr. Harmolodisch? Harmonisch und melodisch in einem? Harmonisch wäre das Ganze ja, doch ob zwei Töne, noch dazu Farb-Töne (Weiß und Taubenblau), schon für eine Melodie reichen? Müssen sie eh nicht. Harmolodics, so hat der Jazz-Saxophonist Ornette Coleman vielmehr seine Art des Komponierens und Improvisierens genannt. Und Tillman Kaiser befreit sich beim Komponieren und Improvisieren seiner Objekte ebenfalls vom Schachteldenken. Okay, sein "Boxoffice" IST in Schachteln gedacht. BESTEHT daraus. Und könnte genauso gut ein Modell sein (für ein Bürogebäude). Wie das meiste hier. "Arme" Materialien, integrierte Fundstücke und die Farbe: "undeutlich" aufgetragen wie weißes Rauschen. Da hat jemand einen Plan und führt ihn lustvoll schlampig aus. Dreiecke fügen sich zur introvertierten Knospe, ein bauliches Detail aus dem Stephansdom wird zu einem fragilen Mobile weitergesponnen. Und das Blechbüchsen-Ding, das aus dem Jahr 2005 angereist ist? Hat Humor an Bord: "Vampir als Espressomaschine." An einzelnen Stimmen im Skulpturenchor gäb’s durchaus was auszusetzen, aber der "Zusammenklang" (auch mit den taubenblauen Wänden) könnte kaum stimmiger sein.

Die Punkte gehen wieder spazieren

Diese Linie von Sebastian Koch ist sich selbst genug. - © Rudolf Strobl, Courtesy: Sebastian Koch und Krobath Wien
Diese Linie von Sebastian Koch ist sich selbst genug. - © Rudolf Strobl, Courtesy: Sebastian Koch und Krobath Wien

(cai) Sebastian Koch? Das ist doch der, der den Albert Speer gespielt hat, oder? Und den Alfred Nobel. Und in "Stirb langsam 5" (langsam, wohlgemerkt) ist er ziemlich schnell gestorben, nachdem ihn der Filmsohn von Bruce Willis vom Dach geschubst hat. Und jetzt malt er auch noch?

Nein, eh nicht. Der Sebastian Koch, von dem diese eindrucksvoll reduzierten Bilder stammen, ist kein deutscher Schauspieler, sondern ein Wiener Maler mit Migrationshintergrund, nämlich mit Vorarlberger Wurzeln. Spielen tut er allerdings ebenfalls. (Und obendrein singen.) In einer Band, die gleich dreimal wie ein One-Man-Army-Actionheld heißt: "Rambo Rambo Rambo." Warum nicht einfach "Die drei Rambos?" Na ja, vielleicht, weil das Trio anfangs zu viert war. Was er in der Galerie Krobath zeigt, hat jedenfalls eindeutig den Blues. Koch begnügt sich aber nicht mit nur einem Blau (wie dieser Yves Klein, der sich seines sogar patentieren hat lassen), jedes Bild kriegt sein eigenes. (Hypnotisierendes Sehnsuchtsblau, unglaubliches Unendlichkeitsblau . . .) Wer sind eigentlich diese "Schlingfiester", nach denen die Serie benannt ist? Offenbar äußerst flexible eindimensionale Wesen, die in jenen zweidimensionalen Welten leben, die in dreidimensionalen Galerien und Wohnzimmern an der Wand hängen. "Die Linie ist ein Punkt, der spazieren geht", hat Paul Klee gesagt. Und hier betreiben die flanierenden Punkte eben Social Distancing oder haben intimere Kontakte, wenn sie sich nicht überhaupt selbst genug sind.

Ein monochromes Bild ist ja längst kein Witz mehr. Die Linien im Blau haben trotzdem das Zeug zur Pointe. Werden zumindest höchst pointiert eingesetzt. Mit großer Präzision verspielt ist diese sehr grafische Malerei, die ihr Mysterium zu bewahren weiß. Abstrakte Kunst? Vermutlich. Aber sind das dort nicht diese Dinger mit den zwei Enden? Würstel? Zwei Enden haben Kochs Linien auch. Die sind freilich schlanker und gelenkiger. Dieser Text hat bloß EIN Ende.