Herumwuselnde Menschen, die bestimmt nicht alle im selben Haushalt wohnen und die keinerlei Mindestabstand zueinander einhalten, sondern sich einfach ganz normal verhalten und noch nicht "neonormal". Manche fassen sich sogar ungeniert ins Gesicht, womöglich ohne sich vorher 30 Sekunden lang die Hände gewaschen zu haben. Man könnte fast nostalgisch werden (oder neidisch), wenn man sich diese sonnigen Bilder in der Galerie Gerersdorfer anschaut, die der Martin Veigl noch in der "alten Normalität" gemalt hat. Vom typischen Treiben im öffentlichen Raum, auf den Plätzen, auf der Straße. Und "typisch" ist ja offenbar inzwischen genauso relativ wie die Zeit.

Technik: Öl und Licht auf Leinwand. Denn irgendwie muss der 1988 im oberösterreichischen Steyr geborene und mittlerweile in Niederösterreich lebende Maler es geschafft haben, das Sonnenlicht in seine antidepressiven Farben mit hineinzumischen. (Nicht, dass die im Finstern leuchten würden und man die urbanen Szenen in der Nacht deshalb immer verhängen müsste, weil man sonst nicht schlafen könnte. Oder man es ohne Sonnenbrille bei den Gerersdorfers gar nicht aushielte vor lauter Stimmungsaufhellung.) Der Sommer währt ewig (Veigl: "Im Sommer ist das Licht so theatralisch"), nie regnet’s, und auf den Leinwänden herrschen gefühlte 40 Grad. In Wahrheit sind’s aber natürlich sogar 360 – wenn man die vier rechten Winkel zusammenzählt. Viel nackte Haut in praller Sonne also, Schatten spenden höchstens ein paar Schirmkappen.

In Martin Veigls Serie "Overflow" verflüssigensich die Menschen. 
- © Galerie Gerersdorfer

In Martin Veigls Serie "Overflow" verflüssigensich die Menschen.

- © Galerie Gerersdorfer

Irgendwas stimmt da trotzdem nicht. Genau: keine Handys! Beziehungsweise hat der Veigl sie unsichtbar gemacht. Oder sie den Leuten kurzerhand unter den Wischgesten wegstibitzt. "Wie ein Professor einmal gesagt hat: Das ist wie in der Zauberei. Man kann das Kaninchen aus dem Hut holen oder verschwinden lassen." Und SEINE Kaninchen sind anscheinend die Handys (unter anderem), die aus den Leuten "Smombies" machen. Smartphone-Zombies. Umherwandelnde lebende Tote. Als Maler verfügt er ja schließlich über einen Zauberstab, einen mit Borsten, und mit dem kann er nach Lust und Laune Dinge malen, die da sind, die NICHT da sind oder etwas NICHT malen, das eigentlich da wäre. Die Fotos, die ihm dabei als Inspirationsquelle dienen, macht er übrigens konsequenterweise nicht mit der Handykamera, er nimmt lieber eine "richtige".

Ausgesetzt im Swimmingpool-Blau

Mitunter liegt die Sehenswürdigkeit gar außerhalb des Bildes. Jedenfalls richtet sich die Aufmerksamkeit der GEMALTEN Schaulustigen gern auf eine offensichtliche Attraktion dort draußen (auf einen Straßenkünstler?), oder der Maler selbst wird auf interessante "Nebensächlichkeiten" aufmerksam wie auf den Rhythmus von Armen, Beinen, entrückt die Städter überhaupt aus dem Alltagsgrau in eine pittoreskere Umgebung, in pure Malerei, in der sie sich teilweise auflösen oder aus der sie plötzlich auftauchen. Setzt sie am Strand oder in der Wüste aus (farblich, in sandigem Ocker und im hitzigen Gelb) oder im kühlenden Swimmingpool-Blau, doch niemals im Grünen. "Es gibt eben Farben, die mir liegen, mit den andern kummt nix raus", gesteht er, der Veigl. Und: "Aufhören soll ma, wenn’s am schönsten is." Was? Er will zum Malen aufhören? Nein, eh nicht. (Wär schad.) Bei jedem Opus aufs Neue muss er allerdings den richtigen Zeitpunkt erwischen, wann er den Zauberstab wieder weglegt. Seine Bilder sind nämlich schon fertig, BEVOR sie "fertig" sind. Und nicht erst, wenn sie voll sind. Die stecken voller kinetischer Energie, alles ist quasi noch im Fluss, die Bewegung noch nicht abgeschlossen. Angeregt unterhalten sich figurativer Realismus und abstrakte Geste miteinander (in Gebärdensprache sozusagen), bis sich die festen Körper in der Serie "Overflow" gleich komplett verflüssigen, ihren Aggregatzustand ändern, nachdem der Künstler seine anonymen Modelle ertränkt hat. Okay, es handelt sich um Spiegelungen im Wasser. Oder in Glasscheiben.

Überall spürt man die Lust am Malen. Dass Malen etwas Sinnliches ist. Und so mancher Titel lässt erahnen, woran der Martin Veigl vor seiner Staffelei, in der Einsamkeit seines Ateliers, WIRKLICH denkt: ans Essen. "Chocolate Chip": Den "Urban Flow", der sich bei ihm als dynamischer Farbfluss zu materialisieren scheint (die Flut der Bilder und der Farbe), hat er sich da als Eis vorgestellt, "als Stracciatella-Eis, und die einzelnen Personen san die Schokoladensplitter".

Und? Hat die Corona-Normalität seine Kunst verändert? "Der Leerraum, der ist präsenter." Wird man auf seinen Bildern in Zukunft Masken tragen? "Das mit den Masken is ungefähr so wie mit den Handys. Die möcht i ned draufhaben." Dann wird er wohl wieder seinen Zauberstab schwingen müssen.