Ein Bild sagt angeblich mehr als 1000 Worte. Aber wenn ein einziges Wort bereits das ganze Bild IST? Sagt dann dieses eine Wort mehr als 1000? Kann man sich also die restlichen 999 sparen? Beim Heinz Gappmayr (1925 – 2010) scheint es so gewesen zu sein. Der war allerdings kein Schriftsteller. Zumindest kein herkömmlicher. Sondern ein – ja, was? Ein visueller Poet? Ein konkreter Dichter? Ein Sprachphilosoph? Vermutlich alles zusammen. Die Sprache war sein künstlerisches Material und zugleich der Gegenstand seiner diskreten Kunst. Und der Rezipient seiner Schriftbilder (oder Sprachkunst?), ist der jetzt ein Leser oder ein Betrachter? Wieder beides.

Zum zehnten Mal hat sich heuer am 19. April der Todestag des Tirolers gejährt, und aus diesem Anlass widmet die Galerie Lindner ihm eine sehr weiße, klare Ausstellung, die so unaufdringlich daherkommt wie die Arbeiten selbst, die wiederum bei aller Zurückhaltung gedanklich höchst komplex und anspruchsvoll sind und in denen immer wieder subtiler Humor aufblitzt. Eines der redseligsten Blätter in der Schau kommt jedenfalls mit eins, zwei, drei, vier Wörtern aus ("raum um einen gegenstand") und lässt daneben jede Menge Platz frei für die eigenen Gedanken des Besuchers. Weil wenn der nicht mitmacht, lediglich schaut und nicht sieht, funktioniert Gappmayrs Kunst nicht. Raum, Zeit, Weiß, Sichtbarkeit, schwebend – überall Begriffe für Elementares, für fundamentale Erfahrungen und Konzepte. Und wenn die von der Syntax isolierten Wörter mit Transferlettern direkt auf die Wand geklebt werden, verschmilzt die Sprache sogar mit dem Raum. "WAHRNEHMUNG" steht hier, in dezenter Sinnlichkeit silbrig schimmernd, und gleich darunter: "ERINNERUNG." Obwohl sich die eine, die Wahrnehmung, in der Gegenwart abspielt, quasi live ist, während es sich bei der andern, bei der Erinnerung, um abgespeicherte Vergangenheit handelt, brauchen die beiden einander, sind sie ein gutes Team.

Kompakter geht's nicht

Den kompletten Farbenkreis sieht man im kleinen Raum nebenan außerdem nur, wenn man sich an die bunten Farben erinnern kann, das Auge nimmt ja bloß ringförmig angeordnete schwarze Kleinbuchstaben wahr: "blaugrüngelborangerotviolett." Okay, das hat er schon einmal eleganter hingekriegt, der Gappmayr. Ohne umständlich in einer langen Wurscht sechs Farbadjektive auflisten zu müssen. Mit einem einzigen Wort hat er es da geschafft, sämtliche Farben der Malerei zu erwähnen. Und wie hat dieses ominöse Wort gelautet? Bunt? Nein, viel raffinierter: gelb! Halt in Rot geschrieben. Auf eine blaue Fläche. Die drei Primärfarben. Kompakter geht’s nicht. (Und aus denen kann man sich die übrigen Farben dann sowieso alle zusammenmischen.) Ein andermal versinkt ein Wort in seiner eigenen Bedeutung, taucht der Schriftzug "bianco" (weiß auf Italienisch) nach und nach im Weiß des Papiers (oder Kartons) ab. Das italienische "bianco" mag die gleiche Farbe sein wie das deutsche "Weiß", doch ist es auch DIESELBE? (Wer sich an dieser Stelle denkt: DIE Probleme möchte ich haben. – Ja eh. Besser als Corona.) Und ist das Blatt nun womöglich weißer als vorher? Auf jeden Fall ist es lyrischer. Ein visuelles Kurz-Gedicht. Knapper als jedes Haiku und das gilt laut Wikipedia immerhin als "die kürzeste Gedichtform der Welt". Und das monochrome Tafelbild in Sentimentalblau? Ein konzeptuelles Seestück? Eher nicht. Schließlich steht nicht "meer" drauf. Sondern "meere". Meer-e. Plural. Dabei ist das nur EIN Bild. Trockene Lektionen in Semiotik schauen definitiv anders aus. (Aufklärungsunterricht über das sprachliche Zeichen und seine Beziehungen zur außersprachlichen Wirklichkeit.)

Das geheimnisvollste Opus dürfte trotzdem die unscheinbare graue Schachtel sein. In dieser "Standardkartonschachtel für A4" bewahrt der Gappmayr nämlich nichts Geringeres auf als: die Zeit. Und von der weiß eigentlich niemand so recht, was genau die überhaupt ist. Relativ? Geld? Das, was die Uhr anzeigt? Das, was passiert, wenn SONST nichts geschieht? (Oder ist das die Definition von Langeweile?) Oder sie ist eben einfach ein Wort auf einem losen A4-Zettel: "ZEIT." Wer dieses Multiple erwirbt (bis 30. Mai kostet es 700 Euro, später 100 Euro mehr), kann nachher freilich nie wieder behaupten, er hätte keine Zeit.