Bildhauer (Betonung auf "-hauer") ist er streng genommen keiner, der Roman Signer. Draufschlagen tut er aufs Material nämlich eher nicht. Er bewegt es vielmehr. Mit Sprengladungen zum Beispiel. Aber eben nicht NUR mittels Pyrotechnik. Deshalb ist der Schweizer (geboren 1938 in Appenzell, lebt und arbeitet in St. Gallen), dessen Arbeiten mitunter wie Experimente zu den Newtonschen Gesetzen anmuten, nicht einfach "der, bei dem es wumm macht". Obwohl: Verdächtige schwarze Brandspuren weist auch das eine oder andere Objekt in der Galerie Martin Janda auf. Was Krach macht, das kann freilich insgeheim durchaus leise Poesie sein.

Eine Skulptur muss jedenfalls nicht unbedingt statisch sein. Eh nicht. (Und zeitlos schon gar nicht. Die Zeit ist, im Gegenteil, für Signers Werk sehr essentiell.) Klassische kinetische Kunst ist das trotzdem keine. Inzwischen halten die Ski mit Raketenantrieb (zwei Ski, eine Holzbox drauf, vier Feuerwerkskörper) ja still. Nach ihrer rasanten Fahrt durch den Schweizer Schnee rühren sie sich nimmer, sind sie letztendlich im Ausstellungsbetrieb zur Ruhe gekommen. Eine Videoinstallation ruht dagegen alles andere als in Frieden, macht nicht bloß Bewegung (und jede Menge Lärm dabei), sondern gleich mehrere Bewegungen auf einmal. Die komplex ineinandergreifen. Ein vom Plafond baumelnder Projektor wird von einem laut surrenden Ventilator herumgeblasen, im projizierten Film wiederum, der schwankt, dass man bereits vom Zuschauen seekrank wird, steuert der Künstler in einem fahrenden Bus eine Drohne. Fast wie bei den russischen Puppen: Fliegende Drohne in fahrendem Bus in pendelndem Filmprojektor. Wobei Filme an sich sowieso schon bewegte Bilder sind.

Endlose Säule aus Kajaks: Roman Signers "Skulptur"(2019). - © Galerie Martin Janda, Vienna
Endlose Säule aus Kajaks: Roman Signers "Skulptur"(2019). - © Galerie Martin Janda, Vienna

Himmelfahrt mit Kajak

Alles echt, übrigens. What you see is what you get. Beim Roman Signer kann man sich drauf verlassen, dass er keine Abkürzung nimmt, dass er also etwa dieses einige Meter lange gelbe Band sicher nicht per Hand um die waagrechte Holzlatte gewickelt und am Ende dann schmähhalber den Quadrokopter drangehängt hat, nein, das ferngesteuerte Fluggerät hat unter Garantie wirklich jede einzelne Runde absolviert. Der Weg ist das Ziel (oder die Be-weg-ung). Und jetzt ist der Weg (das gelbe Band) sichtlich IM Ziel. Bei seiner – temporären – Skulptur im öffentlichen Raum (beziehungsweise im öffentlichen Luft-Raum) hätte der Künstler ebenfalls locker schummeln und die sechs zu einer Kette aufgefädelten roten Kajaks, deren Element eigentlich das Wasser ist und nicht die Luft, dem Hubschrauber kurzerhand mittels Photoshop unten dranmontieren können. HAT er jedoch nicht (der selber immer wieder gern ins Kajak steigt). Ein immenser Aufwand für eine schlichte poetische Geste mit offenkundigem Humor und ebensolchem kunstgeschichtlichem Anklang. Eine Kajak-Karawane in den Himmel als flüchtiges und lediglich noch auf einem Foto nachhallendes Echo von Constantin Brancusis legendärer "endloser Säule", bei der sich allerdings abstrakte rhombenförmige Elemente babylonisch auftürmen und versuchen, in die Unendlichkeit zu wachsen. Nicht das erste Mal, dass Signer Fortbewegungsmittel aus ihrem vertrauten Lebensraum entrückt. Ski mit Schwimmflügerln über Wasser hält oder sich mit dem Paddelboot absichtlich auf die Straße verirrt (und dann aber nicht selber paddelt, sondern sich von einem Auto ziehen lässt). Überhaupt existieren seine Skulpturen oft nicht einmal so lange wie Erwin Wurms One-Minute-Sculptures und höchstens Fotos oder Videos beweisen, dass es sie gegeben hat.

Bewegung überall. Selbst in der größten Ruhe kann sich eine latente Dynamik verbergen. Abgesehen davon, dass die Gegenstände, die in dieser Kunst mitspielen dürfen, meist nicht zum Rumstehen erfunden wurden, die wurden erschaffen, um ein bewegtes Leben zu führen (Ski, Boote, Gummistiefel . . .). Und die Schallplatten, die in den Fugen vom Tanzparkett feststecken? Tun das ziemlich rhythmisch, tänzeln, auch wenn sie sich grad nicht auf dem Plattenteller drehen können, um die Musik freizusetzen.

Im Keller schließlich hat die Schwerkraft einer Orgelpfeife förmlich das Genick gebrochen (oder es war der Bock, der den freien Fall gebremst hat). Das macht ja gerade die Wirkung dieser markanten Arbeiten aus. Dass die physikalischen Kräfte hier keine Theorie sind, sondern Praxis. Das geknickte Drei-Meter-Trumm erzeugt nun zumindest statt eines eindrucksvollen tiefen Tons eine wahrhaft imposante Stille. Und die kann man laut und deutlich hören.