Dieses C-Virus ändert eben alles. Zwar nicht den TITEL der Ausstellung in der Galerie Steinek, die jetzt langsam aus ihrem Corona-Koma wieder aufwacht ("Liaison" – da geht’s folglich um Beziehungen), aber in das imposante Bett, das Olga Georgieva in markanter Holzschnitttechnik mit autobiografischen Momenten überzogen hat, wird sich wohl so schnell keiner mehr hineinlegen. Auch wenn es fürs Social Distancing durchaus geeignet ist. Quasi für die Missionarsstellung zu dritt (mit Babyelefant dazwischen). Kurz: ein Stockbett. Doch immerhin paaren sich in diesem Bett im Corona-Feld (okay, billiges Wortspiel) die Sinnlichkeit und Intimität des Holzschnitts mit der Ungezwungenheit der zwischenmenschlichen Motive.

Das Auge des Betrachters: Tony Ourslers Videoprojektion"Conspiracy". - © Tony Oursler und Silvia Steinek Galerie
Das Auge des Betrachters: Tony Ourslers Videoprojektion"Conspiracy". - © Tony Oursler und Silvia Steinek Galerie

Man hat ja sogar schon Hemmungen, die aufliegenden Kataloge durchzublättern, weil: Wo kann man sich nachher 30 Sekunden lang die Hände waschen? In einem davon würde man allerdings sehen, wie der Matthias Herrmann, bekannt für sein äußerst inniges und tabuloses Verhältnis zu sich selbst und für seine provokant witzigen Rollen- und Doktorspiele voller Selbstironie, wie er also in einem Palazzo in Mantua seine exhibitionistisch narzisstischen Selbstinszenierungen konfrontiert mit dem gemalten Fleisch der alten Meister. An den Wänden in Wien muss man sich den Herrmann nämlich dazudenken. Andererseits wirft er mit dem Fotoapparat einen so persönlichen Blick auf die historische Malerei, fokussiert auf so spezielle Details, dass die klassischen Schinken nun eh lauter Selbstporträts von ihm sind. Besonders der Rubens-Jesus im Lendenschurz, der ist eindeutig er. Der hat definitiv seinen definierten Body und seine trainierten Ex-Balletttänzer-Beine. Und die isolierten Haxen der rangelnden Streithansln Herakles und Acheloos scheinen plötzlich zärtlich zu füßeln.

Dem Betrachter die Brust geben

Eigenwillig erotisch und surreal: die aquarellierten Strichätzungen der 2015 verstorbenen Carol Rama. Verstümmelte nackte Leiber, Libido-Monster, herausgestreckte Zungen. Zarter Farbauftrag kontrastiert mit bizarren Fantasien. Und bei Renate Bertlmann führen Lust und Schmerz, Liebe und Gewalt sowieso eine ambivalente Langzeitbeziehung. Wenn sie dem Betrachter die Brust gibt (in Form eines kitschig herzigen Votivbildes), muss natürlich ein Dorn herausstechen. Mütterlicher sind da ihre mit Kluppen an einer Wäscheleine zum Trocknen aufgehängten Hautfetzen ("Waschtag – Streicheleinheiten", 1978 – 2014). Die Nacktheit als sinnliche Bekleidung, als Unterwäsche. Als hätte sich hier der zitzenübersäte Albtraum einer stillenden Mutter gehäutet. Ausnahmsweise nicht wegen CORONA müssen die Finger den Reizen dieser schnullerbestückten Latexfleckerln widerstehen ("Bitte nicht berühren!"), sondern weil die dünnen Gummiteile so empfindlich sind. Außerdem hat man sie derweil in Kisten weggepackt, solange ohnedies keiner gekommen ist, um sie zu bewundern. Eigentlich ist also doch Corona schuld. Zumindest ein bissl.

Zum Schluss ein Sinnesorgan, das überhaupt kein Problem mit Fernbeziehungen hat: Das Auge von Tony Oursler (Videoprojektion auf Kugel) sieht sogar gerade fern. Der Betrachter schaut dem Voyeur beim Spechteln zu. Der fremde Blick ertrinkt in der Bilderflut und HYPNOTISIERT den Galeriebesucher dabei förmlich, spielt mit ihm "Ich seh etwas, was du nicht siehst". Dafür seh ICH den Babyelefanten bald wirklich. Und den dürfte ich in dieser sehr körperbetonten Schau wenigstens streicheln.