Das Selbstbildnis von Peter Pongratz aus dem vorigen Jahr beim Eingang hat ein blindes Auge und fletscht die Zähne. Daneben sind die wunderbar bunten arkadischen Gartenidyllen aus Dalmatien seit 1996 nicht nur in der Auslage bereits Hinweis auf ein sich am Widersprüchlichen reibendes Temperament: Die Formen blühen und gedeihen in den Bildern, als ob Farbe auf der Leinwand expandieren könnte. Oft kritische Blicke auf die Kunstszene werden abgelöst von Naturgeschichten der besonderen Art. Prähistorie und Antike feiern fröhliche Auferstehung im abstrahierten Strichgefüge zwischen Zeichen und märchenhaft kindlicher Figurensymbolik. Selbst der "Winter" vereint Tierisches, Pflanzliches und Urformen, die Topfpflanzen und Küchenstillleben versammeln sich mit Lust am Kippen der Perspektive auf runden Tischen und im Rot-Blau-Kontrast neben den der Art Brut nahestehenden Figuren.

Lebendige Malerei

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Von 1991 bis heute ist der Werkquerschnitt gewählt, und er führt auch die wichtigsten Themen und Phasen seit damals vor Augen. Die strahlenden Acrylfarben-Landschaften sind allen zu empfehlen, die Kunst im Netz nicht mehr ertragen: So lebendig ist Malerei selten wie von dem in Kürze 80-jährigen Peter Pongratz. Zugegeben: Er hat sie in Zeiten der Konzeptkunst, Installation und der Neuen Medien nicht gelassen, sondern lange vor den Neuen Wilden für untot erklärt. Er wollte nicht zeitgemäß avantgardistisch sein, hatte auch ein paar zornige Mitstreiter: Martha Jungwirth, Wolfgang Herzig, Kurt Kocherscheidt, Franz Ringel und Robert Zeppel-Sperl - 1968 zusammengewürfelt von Otto Breicha für die Secession als Gruppe "Wirklichkeiten". Ihnen nahe war und ist die österreichische Literaturszene mit Elfriede Jelinek, Peter Handke, Gert Jonke, Wolfgang Bauer und Gerhard Roth. Pongratz liebte es, als er 1966 von Graz nach Wien kam und als Assistent von Max Weiler unterrichtete, über Antiakademisches mit Leo Navratil zu diskutieren, der in Gugging die Kunsttherapie für seine Patienten der damaligen Nervenheilanstalt etablierte. Dem Interesse schlossen sich Arnulf Rainer, Alfred Hrdlicka und André Heller an.

Die Art Brut wurde eine philosophische Grundnahrung für Pongratz. Sie siegte über Anregungen durch Max Ernst und die Ethnologie, er führte sie, losgelöst von allem Exotismus des Primitivismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die postkoloniale Gegenwart. Auch die völlig neue subversive Richtung postmoderner Kitschzitate in den 1970er Jahren, die Breicha "Alpen Pop" betitelte, ließ er zugunsten der für die Art Brut typischen Menschen- und Weltquerschnittanalysen fallen. Von den Gugginger Künstlern erster Generation bezeichnete er den an Schizophrenie leidenden Johann Hauser als seinen eigentlichen Lehrer.

Bei Artemos startet Pongratz chronologisch mit einem Blatt aus der Serie zum Krieg am Balkan 1991, aus der sich die Kreuze und dornengekrönten Herzen auch noch in einer dem Blues angelehnten Serie "Soul Painting" und in der kritischen Phase zu "Sweet Home Vienna" fortsetzten. Da kehrten neben Schwarzweißaskese schon 2002 mit "Up the Lazy River" bunte Landschaften mit kartografischer Draufsicht wieder.

Kritisches Großformat

Das bemerkenswerteste Großformat ist dabei der "Grauenvolle Terrorüberfall außerirdischer Kunstgewerbegegner auf das Museumsquartier" 2005. Ein Bild, das eigentlich längst im Mumok hängen sollte. Denn es kritisiert die Vorlieben und den, seiner Meinung nach, mainstreamigen Kunstgeschmack früherer Direktoren und Kuratoren. Weil nach Direktor Alfred Schmeller kein Bild von Pongratz mehr angekauft wurde, lässt er grüne Männchen mit Ufos Quallenbomben, Baum- und Hausattrappen auf den "Ding-Dong-Daddy" des Museums werfen (Er war tatsächlich erfolgreich, denn seit einigen Jahren wurden Werke von zwei Mumok-Kuratorinnen wieder häufig in ihre Ausstellungen eingebaut.).

Beim Eingang drinnen empfängt Pongratz im "Zwei Figuren-Selbstporträt mit der großen starken Elisabeth" von 2016 vor schwarzem Hintergrund, fletschenden Zähnen im sägeförmigen Mund, im Köperrund hängt sein operiertes Herz, über dem Kopf schwebt ein wolkenförmiger Heiligenschein, die rote Begleiterin mit Katzenkind und Breitmund lacht ihn wohl aus. Ein paar Räume weiter gehen sie baden, bauen ein Haus und stehen in dessen Garten. "One Morning in May" zeigt sich ein mit Elan geladener Schreihals von 80 Lenzen, die "Last Polka in Nancy" wird wohl kaum die letzte sein.