Was hängt an der Wand und wenn es runterfällt, ist die Malerei trotzdem nicht tot, sondern man hängt das Bild einfach wieder auf? Nein, das ist keine Scherzfrage, da geht’s natürlich um Kunst. Um Kunst zum Aufhängen. Und wenn man sie einmal versehentlich (oder mit Absicht) verkehrt montiert, mit dem Oben nach unten, also einen Baselitz daraus macht und den Baselitz nachher erneut "baselitzt"? Ist sie dann noch immer dieselbe wie vorher? Na ja, bestenfalls die Gleiche. Glaubt zumindest das Künstlerduo Asgar/Gabriel.

Die aktuellen Gemeinschaftsarbeiten von Daryoush Asgar, geboren in Teheran, und Elisabeth Gabriel, gebürtige Wienerin (beide Jahrgang 1975), sind in der Bechter Kastowsky Galerie meines Wissens zwar stets richtig herum gehangen, im Artist Statement zur Ausstellung (die noch dazu "Upside Up" heißt, was eine Rückkehr zu einer ominösen Normalität suggeriert, wo das Oben wieder oben ist) schreiben sie freilich: "Alles scheint gut, so sehr an seinem Platz, dass erst recht nichts stimmt." Ihre Malerei ist jedenfalls zurück auf der flachen Leinwand, nachdem sie sich eine Zeitlang in den Raum hinein erweitert hat, und ist dennoch eine andere. Abgesehen davon, dass sie deutlich geschrumpft ist, das Format intimer geworden ist. Groß-artig ist sie aber wie eh und je. Versprüht die pure Lust am Malen, an der Sinnlichkeit des Farbauftrags, am Erschaffen einer alternativen Wirklichkeit.

Steht der Homo sedens (der sitzende Mensch) auf Markensneaker? Bei Asgar/Gabriel schon. - © Bechter Kastowsky Galerie und Asgar/Gabriel
Steht der Homo sedens (der sitzende Mensch) auf Markensneaker? Bei Asgar/Gabriel schon. - © Bechter Kastowsky Galerie und Asgar/Gabriel

Schuld sind sowieso die Radfahrer

"Posthumanistische Porträts" sollen diese gemalten Assemblagen, die skulptural-humanoiden Gebilde sein, die Asgar/Gabriel in den illusionistischen Bildraum hineinbauen und -basteln (mit dem Pinsel, der quasi ihr Inbusschlüssel ist). Eine abstrakte Farbfläche wird plötzlich zum Körperteil und trägt ein Baseballkapperl oder gleich drei Armbanduhren auf einmal, fotorealistische Attribute (Coffee-to-go-Becher, Plastikbesteck, ein Apfel – immerhin die Frucht der Erkenntnis) werden an eindimensionalen Linien festgeknotet, die Schatten werfen und dabei zu Schnüren mutieren. (Die Schatten unterliegen zwar NICHT der Schwerkraft, die sogar in dieser gemalten Welt Gültigkeit hat, fallen tun sie nichtsdestotrotz.) Ab und zu Anspielungen auf die Kunstgeschichte, Zitate. Eine Zitronenschale lockt sich förmlich aus dem 17. Jahrhundert heraus. Die blonde Zitruslocke hätte genauso gut ein niederländischer Stilllebenmaler "onduliert" haben können.

Schuld an alldem sind aber sowieso die Radfahrer. Oder eigentlich ein – fiktiver – Wissenschafter, ein gewisser de Selby, der in einem post-, nein, nicht –humanistischen, sondern post-modernen Roman von Flann O’Brien ("Der dritte Polizist") die Theorie vertritt (und seit der Quantenmechanik und Schrödingers untoter Katze scheint die mir gar nimmer so abstrus), dass Menschen und Fahrräder fleißig Moleküle austauschen, und je öfter man aufs Rad steigt, desto mehr wird man selbst zu einem. Übernimmt man dessen Eigenschaften. Kann irgendwann nicht mehr selbständig aufrecht stehen, muss sich dauernd irgendwo anlehnen oder fällt um, wenn man zu langsam geht. (Ach, darum brauchen manche im Alter Stützräder, sprich einen Rollator.) Während Fahrräder im Gegenzug menschlicher werden, häusliche und soziale Wärme suchen. He, jetzt weiß ich endlich, warum ich immer träger und bequemer werde. (Ich tu mir ja ebenfalls schon mit dem Stehen schwer. Besonders mit dem Auf-Stehen. Und das, obwohl ich velophob bin. Angst vor Fahrrädern habe.) Mein Sofa hat mich mit seinen Träge-Masse-Molekülen infiziert! Weil ich eben ein anatomisch modernster Mensch bin. Die Evolution endet schließlich nicht beim Homo sapiens, dem g’scheiten Menschen. Der hat sich bekanntlich inzwischen zum Homo sedens weiterentwickelt. Zum SITZENDEN Menschen. Denn längst ist der HINTERN der meistgenutzte Körperteil. (Nicht, dass es davor immer das Hirn gewesen wäre.)

Sesshaft mit Markensneakern

Die Vorstellung, dass im Grunde lauter Mischwesen die Erde bevölkern, haben Asgar/Gabriel nun im Teamwork auf ihre Leinwände übertragen, nur dass sich IHRE Hybriden (aus Abstraktion und Figuration, Porträt und Stillleben, Gegenwart und Kunstgeschichte) nicht aufs Rad schwingen, sondern lieber auf einen Sessel. Sind das also "transhumanistische Porträts" des Homo sedens, der trotz seiner chronischen "Sesshaftigkeit" Markensneaker anhat, diese Fetische der Warenwelt? Oder womöglich handelt es sich ja um transhumanistische SELBST-Porträts. Könnten Asgar/Gabriel, zwei Künstlerindividuen, deren Hände sich fulminant vermengen, irgendwann genauso ausschauen (oder sich so fühlen), wenn sie nicht aufhören, mit ihrer Malerei Moleküle auszutauschen? Nämlich zusehends ungegenständlicher und flacher, bis sie bloß noch so rumhängen? Vielleicht, wenn sie beim Malen Handschuhe anziehen würden . . .