Wer das Werk von Marcia Hafif noch NICHT kennt, lernt es in dieser Ausstellung endlich einmal kennen. (Und das war vermutlich eh längst überfällig.) Wer es hingegen ohnedies bereits kennt, der kommt drauf, dass er es bisher vielleicht doch nicht so gut gekannt hat. Die 2018 verstorbene amerikanische Künstlerin, die 1978 den programmatischen Essay "Beginning Again" verfasst hat, um fortan das nicht totzukriegende Medium Malerei konsequent zu sezieren (mit dem Skalpell der Maler: mit dem Pinsel), hat nämlich nicht bloß radikale monochrome Bilder gemalt. Wobei "monochrom" nicht zwangsläufig gleichbedeutend ist mit eintönig, sprich fad und reizlos.

Dass Hafif eine berüchtigte "Serientäterin" war, fällt in der kompakten Miniretrospektive in der Galerie Winter eigentlich gar nicht auf. Weil hier meist eine einzelne Arbeit die jeweilige komplette Serie repräsentieren muss. Jedes Bild muss stellvertretend für viele andere die immer gleiche Frage beantworten: Was ist Malerei? Und was IST sie, die Malerei? Farbe auf einem Bildträger. Übrigens mit dem Pinsel aufgetragen (äußerst konzentriert von links oben nach rechts unten). Gemalt, nicht gestrichen. Das reine Pigment könnte da etwa mit seiner Leuchtkraft jede aus der Tube gedrückte Farbe locker k. o. schlagen, die Farbe (oder Nichtfarbe) Schwarz wirbelt ungewohnt expressiv umher (verglichen mit den sonst so ruhigen Oberflächen), gerät in Turbulenzen wie der Himmel in van Goghs "Sternennacht" (allerdings hat jemand die Lichter ausgemacht, das Chromgelb gelöscht), und Monochromie ist sowieso relativ.

Marcia Hafif lässt Gelb und Violett einen Dialog über den Goldenen Schnitt führen. - © Simon Veres, Courtesy: Estate of Marcia Hafif und Galerie Hubert Winter
Marcia Hafif lässt Gelb und Violett einen Dialog über den Goldenen Schnitt führen. - © Simon Veres, Courtesy: Estate of Marcia Hafif und Galerie Hubert Winter

Promiskuitives Orange

Ein grelles Kadmium-Orange hat zum Beispiel flüchtige Affären mit gleich drei anderen Farben, erkennbar an den fremden Spritzern in Rot, Schwarz und Weiß ("Splash Painting" - klingt jetzt fast ein bissl pornografisch), und während sich zwei Komplementärfarben quasi über den Goldenen Schnitt unterhalten, sich den Platz auf der Leinwand in diesem angeblich besonders harmonischen Verhältnis untereinander aufteilen, spechteln unter dem Violett ein Rot und ein Blau heraus. Nicht ZWEI Farben befinden sich also auf dem vermeintlich violett-gelben Bild, sondern in Wahrheit vier. Mindestens. (Moment: Wie kann das ein harmonisches Teilungsverhältnis sein, wenn das Violett ein deutlich größeres Stück vom Bild abkriegt als das Gelb? Ziemlich ungerecht, dieser Goldene Schnitt.) Und so ungegenständlich, wie das Opus aussieht, ist es ebenfalls nicht. Ach, weil Hafifs abstrakte Kunst sehr wohl gegenständlich ist? (Ihr Gegenstand ist eben die Malerei selbst.) Ja, und außerdem hat die Künstlerin die Farben ausnahmsweise den Gegenständen aus ihrem privaten Alltag abgeschaut. (Teekannen und dergleichen.)

Totale Weltfremdheit kann man diesen Arbeiten jedenfalls NICHT unterstellen. Im Gegenteil. Immer wieder darf sogar der Ort mitspielen. Ein rosiges Aquarell erzählt von der Farbe einer Fassade in Rom (von der Farbe, nicht von der Fassade) und die Fotoserie "Vienna Suite" (ja, fotografiert hat sie auch, die Marcia Hafif) wirft schwarz-weiße Blicke in die Auslagen von Wäschegeschäften in Wien und ist fasziniert vom Barock der Strümpfe hinter Glas, der definitiv mehr Bein zeigt als der historische Barock mit seinen bodenlangen Röcken. Im Grunde sind Schaufensterpuppen aber eh wie Leinwände. Schlanke "Trägermedien". Nur dass sie sich ab und zu umziehen.