Christo (Vladimirov) Javacheff wäre am 13. Juni 85 Jahre alt geworden, am Pfingstsonntag starb er in seinem Haus in New York vor der Verwirklichung der Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris - wie im Fall von Joseph Beuys werden aber seine Kunstwerke über seinen Tod hinaus weiter verwirklicht werden.

An dieser zeitlichen und auch räumlichen Erweiterung des Kunstbegriffs hat Christo mit seiner 2009 verstorbenen Partnerin Jeanne-Claude seit Beginn der 1960er Jahre wesentlich mitgewirkt, er wird der damals absoluten Kunst genannten Aktionskunst zugezählt wie der auf Earth-Art vergrößerten Land-Art, aber auch an der Erweiterung des Objektbegriffs, damals Assemblage genannt, hat er Anteil. Bei vielen Werken ist das übergreifende Wort Archiskulptur anzuwenden. Als Künstlerpaar der Superlative sind die Christos mit der Verhüllung des Berliner Reichstages 1995 oder davor dem Pont Neuf in Paris 1985 in die Kunstgeschichte eingegangen. In Wien war der Entwurf für die Verhüllung des Flak-Turms auf Initiative von Peter Noever für dessen Kunstdepot geplant und sie gaben im Extra der Wiener Zeitung 1995 ein Interview anlässlich der Verhüllung des Reichstags. Auch dabei ist die politische Intention ihrer Kunstprojekte herauszulesen, und der Umstand, dass sie ihre Projekte über Zeichnungen, Collagen und Fotografien immer selbst finanzierten, Sponsoren lehnten sie ab.

Fotostrecke 5 Bilder

Das erste Werk und seine Projekte

Neben diesem subversiven Umgang mit dem Kunstmarkt hatte auch die soziologische Seite, der Umstand, dass hunderte Menschen involviert waren, um so ein Projekt überhaupt verwirklichen zu können, einen hohen Stellenwert für Christo. Sein erstes Werk in diese Richtung war freilich noch politischer und illegal errichtet: etwa 100 Ölfässer bildeten 1962 den "Iron Curtain" in der Rue Visconti in Paris, ein Jahr nachdem in Berlin die Mauer erreichtet worden war. Christo stammte aus Bulgarien, wo er 1935 in Gabrowo in eine Fabrikantenfamilie hineingeboren, von seiner Mutter künstlerisch gefördert, nach einigen Jahren Akademiestudium in Sofia 1958 über Prag und Wien nach Paris ging.

Christo und seine Frau Jeanne-Claude.  - © APAweb /AFP
Christo und seine Frau Jeanne-Claude.  - © APAweb /AFP

Im Umkreis von Pierre Restany und den Künstlern des Nouveau Réalisme lebte er von Porträtzeichnungen, die ihn mit der Familie seiner Frau bekannt machten. Gegen den Willen der Generalsfamilie und obwohl sie schon verheiratet war, setzte das Paar seine große Liebe durch und heiratete 1962, der gemeinsame Sohn Cyril ist Schriftsteller, Fotograf und Filmer.

Doch da er so viele Werke noch mit Jeanne-Claude geplant hatte, setzte er auch nach ihrem Tod 2009 mit Planungen fort – besonders beliebt beim Publikum waren die 15.000 orangenen Tore ("Gates" 2005) im Central Park von New York und zuletzt die Floating Piers am Iseosee in Oberitalien 2016. Ihnen gehen die verhüllte Küste in Australien 1970 oder die "Surrounded Islands" in Miami Beach 1980 voraus.  - © APAweb /AFP
Doch da er so viele Werke noch mit Jeanne-Claude geplant hatte, setzte er auch nach ihrem Tod 2009 mit Planungen fort – besonders beliebt beim Publikum waren die 15.000 orangenen Tore ("Gates" 2005) im Central Park von New York und zuletzt die Floating Piers am Iseosee in Oberitalien 2016. Ihnen gehen die verhüllte Küste in Australien 1970 oder die "Surrounded Islands" in Miami Beach 1980 voraus.  - © APAweb /AFP

Bürokratische Hürden der Verhüllung

Schon 1964 gingen die Christos in die neue Kunsthauptstadt New York, sie lebten dort bis 1967 illegal, bekamen später beide die US Staatsbürgerschaft durch ihre Kunst, die von bekannten Galeristen wie Leo Castelli und Alfred Schmela vertreten wurde. Damals waren es noch kleinere Verpackungen von Figuren, einem VW oder Motorrad, die heute in Museen wie dem Mumok verwahrt werden. 1970 kamen erste Brunnen- und Denkmalsverhüllungen in Italien, 1976 der "Running Fence" in Kalifornien, bei vielen bürokratischen Hürden sind immer Jahre der Vorlaufzeit einzuberechnen.

Die Vernetzung mit den Fluxus-Künstlern war eng, ab 1972 waren sie auf der documenta IV-VI und weiteren Großausstellungen vertreten, auch wenn die ersten großen Ballonobjekte (von den Kasslern "Wurst" genannt) mit oftmaligem Scheitern durch Wind und Wetter kämpften; das gilt auch für den berühmten orangefarbenen "Valley Curtain" in Colorado, der durch einen Sturm fast weggeweht wurde. Die Christos gaben aber selbst während ihrem zwei Kontinente und Völker übergreifenden Projekt der 3100 "Umbrellas" in Kalifornien (orange) und Japan (blau) 1991 nicht auf, als ein Taifun das gleichzeitige Aufspannen verzögerte.

Poetisches Friedensprojekt

Für "die Anrainer des Pazifik" als ästhetische Form von Landschaftsgestaltung konzipiert, war es auch wieder politisch ein sehr poetisches Friedensprojekt, wobei die Dimension der Erfahrung von Kunst durch Reisen für die wichtig schien. Petra Kipphoff hat Christos Schirme begeistert beschrieben und meinte, dass er nie mit "verschwitzter Ideologie" arbeite, bei aller politischen Intention.

23 Jahre mussten die Christos warten, bis die Genehmigung kam, in Berlin das Reichsratsgebäude zu verhüllen, selbst der silbern schimmernde Stoff und seine Wiederverwendung waren Streitthema, obwohl Christo immer auf die Ökologie seiner immer nur kurzlebigen Projekt hinwies. Als Kletterer war ihm Reinhold Messner damals behilflich und die Berliner feierte sogar die Demontage noch wie ein Volksfest: fünf Millionen Menschen kamen, um dieses Werk zu sehen.

Die grundsätzliche Anregung durch den surrealistischen Akt Man Rays 1920 eine Nähmaschine zum "Rätsel des Isidore Ducasse" zu verhüllen, ist ein beliebter Vergleich in der Kunstwissenschaft, jedoch scheint es wahrscheinlicher, dass die Kunststofffolien in der Chemiefabrik seines Vaters zur frühen Hinwendung zum textilen Material geführt haben. 1961 hatte Christo das erste Mal Architektur im Visier, die Konzepte übersteigen also bei weitem die Verwirklichungen.

15.000 orangene Tore in New York

Doch da er so viele Werke noch mit Jeanne-Claude geplant hatte, setzte er auch nach ihrem Tod 2009 mit Planungen fort – besonders beliebt beim Publikum waren die 15.000 orangenen Tore ("Gates" 2005) im Central Park von New York und zuletzt die Floating Piers am Iseosee in Oberitalien 2016. Ihnen gehen die verhüllte Küste in Australien 1970 oder die "Surrounded Islands" in Miami Beach 1980 voraus.

Da auch die Errichtung einer Mastaba in Ägyptens Wüste selbst geplant war, baute Christo 2018 aus Ölfässern eine solche in den Hyde Park in London, sein erstes Werk in England wurde auch gefeiert. Der Arc de Triomphe hätte ihn nun zu seinen subversiven Anfängen in Paris zurückgeholt und wird wie "Over the River", wieder in Kalifornien, ohne den sympathischen wie demokratischen Künstlerstar stattfinden. Als Triumph bleibt ihm aber die Erweiterung der eigenen Kunst über den Tod hinaus.