Die Reisefreiheit ist ja coronabedingt noch immer stark eingeschränkt, aber wenigstens das Meer können die Wiener jetzt schon einmal aus nächster Nähe sehen. Okay, ein gemaltes. Doch immerhin. Und man kommt sogar mit der Straßenbahn hin und muss in keinen Flieger steigen. Oder ins Burgenland fahren. (An den Neusiedlersee.)

Im Hilger Next heißt es jedenfalls "Den Anker hieven" (passenderweise befindet sich die Galerie in der ehemaligen Ankerbrotfabrik). Auch wenn die Schiffe dort allesamt nimmer seetüchtig sind. Die eignen sich sicher nicht mehr als Vehikel für diese Form der Landflucht, die Festlandflucht. Trotzdem nehmen einen die gefühl- und stimmungsvollen Bilder von Alberto Storari mit auf eine Traumreise. Denn traumhaft (wie in einem Traum) sind diese geheimnisvoll diffusen, symbolträchtigen Sujets mit ihrer surrealen, ein bissl unheimlichen Atmosphäre unbedingt. Besonders die aus der "Dreamlike"-Serie. Das unruhige Meer, ein winterlicher Wald, ein zerwühltes Bett – lauter Orte voller Romantik und Sehnsucht und zugleich Unbehagen. Im Schlaf, diesem nächtlichen Trip ins Unbewusste, lauert überall der Alb, im Wald verirrt man sich leicht, und der Ozean ist sowieso eine unberechenbare Naturgewalt. Lebensraum der Pottwale, die das riesigste Gehirn auf Erden (und im Wasser) besitzen, also womöglich die größten Träumer der Meere und überhaupt sind. Die – fiktive – Geschichte von einem davon, Moby Dick (beziehungsweise erzählt sie ja vom Kapitän Ahab und seiner fatalen Mission "Weißer Wal"), liegt aufgeschlagen auf einem Sockel. Der 1975 in Verona geborene Maler, der mittlerweile in Wien lebt, hat sie zu seinem persönlichen Reisetagebuch umgestaltet, die Seiten mit EIGENEN Eindrücken überarbeitet (Mischtechnik auf Roman).

Ambivalente Erotik von Alberto Storari: nach Berninis "Raub der Proserpina". - © Alberto Storari/Galerie Ernst Hilger
Ambivalente Erotik von Alberto Storari: nach Berninis "Raub der Proserpina". - © Alberto Storari/Galerie Ernst Hilger

Fleischeslüsterner Marmor

Generell wird Storaris Malerei vom fotografischen Blick gespeist, von den Dingen, die er auf seinen Streifzügen mit seiner Kamera aufschnappt. Und wenn er bei berühmten Skulpturen genauer hinschaut (bei Giambolognas manieristisch verschraubtem "Raub der Sabinerinnen" oder Berninis "Raub der Proserpina" – die antike Mythologie ist bekanntlich VOLLER "Räuber"), ein intimes Detail mit sensiblem Pinsel begutachtet (die Taille mit der zupackenden Hand, die Finger, die sich in einen Schenkel graben), wird der harte Marmor zu weichem Fleisch (wobei die beiden Bildhauer selbst bereits ziemlich steinerweichend gemeißelt haben), und das könnte nun genauso gut eine leidenschaftliche Liebesszene sein. In Wahrheit ist da allerdings nix einvernehmlich. Der römische Unterweltsboss Pluto (entspricht dem griechischen Hades) verschleppt die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin in sein finsteres Reich und die IRDISCHEN Römer, die in ihrer gerade erst gegründeten Stadt an einem massiven Frauenmangel leiden, "bedienen" sich kurzerhand mit Gewalt bei ihren Nachbarn.

Sinnliche Motive in einer sinnlichen Technik, weil experimentierfreudig ist Alberto Storari außerdem. Mitunter tapeziert er die Leinwand mit "dekadentem" Damast oder klebt für einen reizvollen Metallschimmer Alufolie drauf (nicht zwangsläufig das Blattsilber für Arme), bevor er mit Öl, Acryl und Tinte drübergeht (Storari: "komische Kombination"). Dann wiederum malt und druckt er seine Wracks und Ruinen und einen ins hitzige Ekstase-Rot entschwindenden Hintern auf Seidenpapier (und das ist selbst "delikat und fragil wie ein Traum, wie eine Erinnerung"), lässt das empfindliche Papier was vergessen, erzeugt mit aggressivem Chlor Erinnerungslücken. Oder er, der selber einmal auf einem Boot gehackelt hat, ertränkt Seekarten in sehr flüssig (no na) und durchscheinend gemaltem Wasser oder "füttert" das Meer auf der Karte mit Tintenfischen (und die bestehen bei ihm tatsächlich aus farbiger Tinte). Fische OHNE Tentakel gleiten dagegen als unwirkliche Schatten zwischen Bäumen hindurch. Sind die Fische des Waldes nicht eigentlich die Vögel?

Auch technisch ein spannendes Abenteuer. Eine Exkursion in die Natur und die Untiefen der Malerei.