Der Welt ist es vollkommen wurscht, wie wir über sie reden. Oder was Einstein gesagt hat. Und eine objektive Wirklichkeit GIBT es wahrscheinlich überhaupt nicht. Weil die Realität womöglich sowieso bloß eine Kreation unserer Sprache ist. Oder wie es ein neo-pragmatistischer Philosoph ausgedrückt hat: "Der Großteil der Realität ist indifferent gegenüber unseren Beschreibungen von ihr." Dieses Zitat von Richard Rorty ist sogar auf einem Fenster vom Loft 8 zu lesen. Als Motto einer Ausstellung ("Entdecken. Erfinden"), in der vieles er-funden ist, obwohl es aussieht, als wäre es von Katharina Moser (Malerei) und Arnold Schmidt (fraktale Bilder) irgendwo da draußen genau so und nicht anders ge-funden worden.

Krümmt sich da die Raumzeit vor lauter Gravitation? "Anziehung": digital generiertes Fraktal von Arnold Schmidt. - © Arnold Schmidt
Krümmt sich da die Raumzeit vor lauter Gravitation? "Anziehung": digital generiertes Fraktal von Arnold Schmidt. - © Arnold Schmidt

Die Realität schert sich also nicht um das, was in den Büchern steht? Arnold Schmidt hat trotzdem eins geschrieben: "Vom Wesen der Zeit." (Und? Weiß er jetzt, was die Zeit ist? – "Besser als vorher.") Bilder sind aber eh auch drin. Solche, wie sie in der Galerie überall an den Wänden hängen. Ach, sind das spektakuläre Fotos von fernen Galaxien, von Sternennebeln und kosmischen Explosionen? Nein, die Bilder hat nämlich nicht das Hubble-Teleskop gemacht, sondern ein Fraktalgenerator. Und Einstein hat mitgeholfen. Beziehungsweise dessen Formeln (aus der Relativitätstheorie, der speziellen und der allgemeinen) und ein paar Formeln aus der Quantenmechanik. Physik (und Mathematik) für Fortgeschrittene, übersetzt in geile Farben und Effekte, und man muss noch nicht einmal das kleine Einmaleins beherrschen, um in diesen faszinierenden Hochglanz-Kosmos eintauchen zu können.

Katharina Moser findet und er-findet Landschaften auf der Leinwand: "sunken" (2020). - © Katharina Moser
Katharina Moser findet und er-findet Landschaften auf der Leinwand: "sunken" (2020). - © Katharina Moser

Dabei werden auf diesen "Raumzeitbühnen" (Bildtitel) quasi vierdimensionale Stücke aufgeführt, die etwa davon handeln, dass die Zeit als eigenständiges Wesen nicht mehr existiert, weil sie dauernd mit dem Raum rumhängt, oder dass jeder Raumzeitpunkt gleich real ist. Die Frage "Was war vor dem Urknall?" mag total unsinnig sein (natürlich würde ich’s dennoch gerne wissen, wo diese Singularität auf einmal herkommen ist, die vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren plötzlich Materie, Raum und Zeit ausgespuckt hat, und wie das alles in einem einzigen Punkt Platz gehabt haben soll, selbst wenn es noch kein Wo und keinen Platz GEGEBEN hat), hier zumindest werden Formeln verfüttert und dann "knallt’s". Gewissermaßen.

Umgekippter Teletubby

Moment: Fraktale? Komplexe geometrische Gebilde und Muster, die oft durch rekursive Operationen erzeugt werden (hä?) und einen gewissen Grad von "Selbstähnlichkeit" aufweisen. Das Apfelmännchen zum Beispiel, das berühmteste Fraktal, die sogenannte Mandelbrot-Menge (schaut aus wie ein adipöser Teletubby, der das Übergewicht gekriegt hat und auf die Seite gekippt ist), hat eine Art Antenne auf dem Kopf und auf der ist ein Mini-Me des Apfelmännchens aufgespießt, auf dessen Antenne wiederum eine weitere winzige Kopie seiner selbst steckt und so weiter. Das kleine Detail ähnelt dem großen Ganzen, der einzelne Ast dem Baum, von dem er stammt. Die Natur ist ja bekanntlich ebenfalls eine begeisterte Mathematikerin und die mag halt nicht lediglich die Fibonacci-Zahlen, die steht offenbar ebenso auf die fraktale Geometrie. Errechnet sich aus einfachen Formen vielfältigste Strukturen, und der Arnold Schmidt tut es ihr gleich. Respektive hatte der studierte Physiker beim Rechnen Hilfe von einer Software.

"Indem ich in diesen Bildern Ordnung schaffe, wird die Welt insgesamt unordentlicher", sagt er. Hat irgendwas mit dieser ominösen Entropie zu tun. Und das ist, glaub ich, das, was sich bei mir daheim bereits bis zur Decke stapelt. Ich weiß jedenfalls schon gar nimmer, wohin mit ihr, mit dieser Entropie. Salopp gesprochen: das Maß für die Unordnung.
Auch Katharina Moser ("Meine Landschaften sind frei erfunden. Ich entdecke sie im Prozess des Herantastens an eine Form- und Farbgebung.") bändigt in ihrer Malerei das Chaos, räumt auf. Kratzt in die feuchte Farbe oder orientiert sich mit resoluten Kohlestrichen. Findet in der reinen Fantasie vertraute Formen. Gewässer, Gräser, Bäume. Ein Gebirge erhebt sich sinnlich aus einem abstrakten Panorama. Und das Fazit? Gute Lügen bleiben eben immer nah bei der Wahrheit?