Er hatte vielseitig über die Kunst nachgedacht, nicht nur als leidenschaftlicher Pädagoge, wenn er seine Studierenden an besondere Werke im Original heranführte, sondern er legte sich selbst gerne mit absoluten Größen wie Goya, Rubens oder Tizian an, oder aber ganz zeitgemäß mit Fotografien oder banalen Abbildungen aus Zeitschriften: Herwig Zens (1943-2019).

Herwig Zens’ "Der Tod als Narr", aus dem "Kleinen Grazer Totentanz", 1994. - © Nachlass Zens/Robert Zahornicky
Herwig Zens’ "Der Tod als Narr", aus dem "Kleinen Grazer Totentanz", 1994. - © Nachlass Zens/Robert Zahornicky

Einmal taucht dabei Marilyn Monroe als weißer Engel hinter einem düsteren Selbstbildnis am Ohrensessel auf, ein wenig frommer Wunsch eines skeptischen Schöngeists, der sich über Heiner Müllers Ironie erfreute, weil dieser die Nekrophilie als Liebe zur Zukunft bezeichnete. Am 5. Juni wäre Herwig Zens 77 Jahre alt geworden und hätte vielleicht der längsten Radierung der Welt einen weiteren Tagebuchstreifen hinzugefügt. Eine Papierrolle ununterbrochen zu bedrucken, damit trieb er gerne Drucker an den Rand des Machbaren. Fast sicher hätte er Franz Schubert gehört, sich diesen von seiner Frau Gerda am Klavier vorspielen lassen oder sich im Atelier geärgert, dass er die Radierpresse nicht mehr selbst bedienen konnte.

Mit aktuellem Blick

Den auf die Antike und Renaissance zurückreichenden Wettstreit nahm er täglich mit seinen künstlerischen Vorfahren auf, mit aktuellem Blick auf eine Metamalerei, die er im Laufe seines Lebens von der Nähe zum Surrealismus bis zur wilden Sprödigkeit eines Neoexpressionismus trieb.

Ob daran Oskar Kokoschka schuld war, dessen "Schule des Sehens" er 1962 besuchte, oder sein Hang zur Druckgrafik, wobei er die Radierung zu unerreichbaren Höhen (und Papierlängen) trieb, bleibt dahingestellt. Es entsprach vielleicht auch ganz einfach seinem Temperament, das ihn meist in einen Zustand von Rastlosigkeit versetzte. Sein langjähriger Galerist Manfred Lang schrieb ihm die Gabe des Schamanen zu, der an zwei Orten gleichzeitig auftauche. Bis zu zehn Bilder gleichzeitig zu malen, gehörte zur Normalität. Nun stellt sich die Frage, ob Zens durch seine unermessliche Energie nicht außerhalb der Bilder, die er hinterließ, irgendwo lauer? Hinter seinen zahlreichen Totentänzen, in denen er den Knochenmann oft als Selbstporträt auftreten ließ.

Das mittelalterliche Moralthema, das in vielen Kirchen als unzeitgemäß getilgt wurde, suchte er in überlieferten Resten in Basel, Füssen oder Lübeck und malte die verlorenen Bildpaare nach radierten Rekonstruktionen meist in Originalformat nach. Durch Beibehalten seiner expressiven Pinselschrift und der starken Farbkontraste ergab sich ein Gegensatz, aus dem eine Zeitlosigkeit resultiert, da ja der Tod auch immer lästig vor Augen führt, dass er hässlich macht, was am schönsten scheint. Kristian Sotriffer schrieb daher früh im Zusammenhang mit dieser Malerei von unangepasster Haltung mit bewussten Anschlägen auf die Perfektion. Künstlerischer Habitus war Zens weniger wichtig, als einen Tod zu malen, der "Immer flott unterwegs" in Gestalt einer Mumie aus der Kapuzinergruft in Palermo auftaucht, die er wie den Mönchsberg Athos immer wieder besuchte.

Im Zusammenhang mit Goya kommt ein weiterer Doppelgänger auf uns zu, und da ja auch der an einer langen schweren Krankheit litt, nähert sich Zens psychologisch gerne an die späten schwarzen Wandbilder im "Haus des Tauben" an, wobei ihm egal war, ob es der Meister selber oder sein Sohn vollendete. Die Paraphrase nach dem heute im Prado beheimateten "Hexensabbat" beherrscht nun locker mit mehr als vier Meter den Innenraum der Rahmenhandlung Christine Ernst und im Fenster liegt die Radierung mit dem Alter Ego Goya. Ob der Tod als Hauptmotiv durch die Kindheit im Krieg, mit einer Großmutter als Friedhofsvorsteherin, von seinem frühen schweren Herzinfarkt ausgelöst oder einfach nur als Gegenüber des Eros wesentlich für seine Malerei war, hat Zens nie verraten.

Böse Scherze

Geheime Widersprüche erfreuten ihn in seinen Mythenbildern, Klaus Schröder entdeckte darin die dominanten Frauen neben passiv-müden Helden. Zens trieb aber auch gerne böse Scherze wie den Tod als Lehrenden für die Lebenden darzustellen, oder ihn zur Tödin zu wandeln als Transgender-Emanze oder Gleichbehandlungsbeauftragte im Postfeminismus. Spanien anerkannte jedenfalls seine ernsten wie heiteren Annäherungen an Goya mit dem höchsten zivilen Orden, der ihm 2002 von König Carlos I. verliehen wurde; vor dem österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und auch vor dem Preis der Stadt Wien 2013.

Als Prophet im eigenen Lande wollte er ohnehin nicht gelten, aber da Zens für Schüler wie Freunde unvergessen ist und vom amtierenden Bürgermeister Wiens als wichtigster Künstler unserer Zeit anerkannt wird, steht auch einer Fünffachversternung dieses Erinnerungstextes zur Ausstellung von Christine Ernst sicher kein sichelnder Zerstörer im Weg.