An Gemälden hängen zwar keine Pflegeetiketten dran, aber WENN dem so wäre, stünde da bestimmt drauf: "Nicht waschen!" Einer würde diesen Hinweis allerdings sowieso ignorieren: Secundino Hernández. Nicht, dass er seine Bilder in die Waschmaschine stecken würde (dazu müsste er die Leinwände außerdem zuerst abspannen), dafür geht er mit dem Hochdruckreiniger auf sie los.

Kunst kommt bei dem Spanier anscheinend von Kärchern. Hört sich vielleicht simpel an (wie ein Macho-Egoshooter-Spiel, bloß analog statt digital – und seeeehr nass), in Wahrheit handelt es sich freilich um einen komplexen, vielschichtigen Prozess. Ziemlich aufwändig. Und man braucht definitiv einen guten Abfluss im Atelier. Hernández, der 1975 in Madrid geboren worden ist, wo er nach wie vor lebt und – kärchert, ertränkt immerhin die klassische Malerei in seiner Sintflut. Erschafft durch Zerstörung. Malt gewissermaßen wie ein Bildhauer, nur dass sein Meißel ein Kärcher ist. Und wie in der Galerie Krinzinger zu sehen ("One More Time Is Good Enough"), gibt’s die "Wash Paintings", diese naturgewaltige Katastrophenmalerei, in Bunt, Schwarz und Weiß.

Die Grundierung ist das Letzte

Wie erzeugt man ein Bild "normalerweise"? Grundieren, dann die Malfarbe, trocknen lassen, eventuell noch ein Firnis und fertig. Hier macht es jemand ein bissl anders, nämlich umgekehrt. Er grundiert zum Schluss. Von hinten. Noch dazu schwarz. Und vorne trägt er vorher Farbe ab und nicht auf. Okay, anfangs appliziert er sie SCHON ganz "normal", bevor er der Malerei, um nicht zu sagen: der Normalerei, ein Peeling mit dem Kärcher verpasst, mit dem starken Strahl brutal die rohe Leinwand teilweise freilegt, ein Gemetzel, und sich die Farbhaut dramatisch pittoresk schält. (Wasser plus Farbe ergibt eben nicht zwangsläufig ein beschauliches Aquarell. In dem Fall eher ein originelles Action-Painting.) Am Ende pirscht sich das Schwarz von der Rückseite an, und vor diesem Hintergrund treiben schließlich die kunterbunten Inseln, auf die sich die expressive Geste isoliert zurückgezogen hat.

Für die kontemplativeren monochromen Varianten in unbuntem Weiß oder Schwarz hat der Künstler gar die Leinwände zerschnitten und wieder zusammennähen lassen, ist er erneut konstruktiv durch Destruktion, präpariert er das grafische Netz der senkrechten und schrägen Nähte geradezu sensibel mit dem Kärcher heraus (quasi das Skelett der Malerei, deren Anatomie).

In jedem Raum der Galerie eine andere Stimmung. Von üppig fröhlich und diesseitig bunt über düster melancholisch bis entsagend asketisch. Im weißen Saal verschmilzt der spartanische Minimalismus, von dem der wandweiße "Anstrich" sinnlich wie in einem romantischen Ruinenkult abblättert, mit den echten Wänden zur ultimativen Abstinenz und Stille. Zur kathartischen Askese. Im nächtlich düsteren Gegenstück dämmern dem obskuren, zersplitterten Schwarz delikat verwaschene Grautöne.
Nicht immer werkt Hernández mit Hochdruck. Manchmal auch mit Siebdruck. Und eigentlich sind das "mutierte" Holzschnitte. Ruppige abstrakte Gesten im Holz, die vom Kampf mit dem spröden Material zeugen, in Siebdrucktechnik übertragen auf Karton in stattlichem Format, also übersetzt in eine imposante Gebärdensprache in Schwarz und Kartonbraun. Beeindruckend anders.