Ein nackter Frauenkörper, notdürftig mit welkem Laub bedeckt – sicher ein Sexualverbrechen, oder? Nein, Kunst. Aber ebenfalls nicht harmlos. Und schon gar keine Kunst, die einfach brav an der Wand hängt.

Besagtes Foto zum Beispiel ist selber eine Zeitlang im Freien gelegen, war schutzlos dem Wetter ausgesetzt und der Natur, die wiederum Erde und weitere herbstliche Blätter drübergestreut und versucht hat, sich das Bild einzuverleiben. Mensch und Natur, die Verletzlich- und Vergänglichkeit von beidem, Leben und Tod, das sind eben die Themen von Marielis Seylers erweiterter Fotografie, einer Fotografie, konzeptuell und in zurückhaltendem Schwarzweiß, die in die Collage, die Malerei, die Performance expandiert, denn: "Die klassische Fotografie ist mir zu dokumentarisch. Ein reines Foto bildet nur ab."

Fotografieren wie Bettina

"Empfindung und Reflexion" heißt die von Carl Aigner kuratierte Ausstellung in der Lukas Feichtner Galerie mit intimen Arbeiten in großen Formaten. Klingt ja fast wie der Titel von einem Jane-Austen-Roman. Wie "Sinn und Sinnlichkeit" (beziehungsweise in anderer Übersetzung: "Verstand und Gefühl"). Bücher waren es auch, die bei der damals Neunjährigen die Leidenschaft fürs Fotografieren geweckt haben. Hätte sie als Kind also nicht "Bettina fotografiert" gelesen, wo die Titelheldin einen Wettbewerb gewinnt, "weil sie einen Grashalm in einem eigenwilligen Winkel fotografiert" (Marielis Seyler), und "Bettina, die rasende Reporterin", zwei typische Mädchenbücher, hätte die Künstlerin später womöglich nie die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien besucht. 1942 in Wels geboren, lebt Marielis Seyler mittlerweile in Wien und er-lebt in ihrem Garten im niederösterreichischen Neulengbach die Natur hautnah. Dazwischen war sie viel unterwegs, hat diverse Galerien geleitet, in Köln, in New York, und in Japan hat sie vom einstigen Brauch des Bild-Tretens gehört (in der Edo-Zeit, als im Land der Kirschblüten noch Christen verfolgt wurden, mussten nämlich mutmaßliche Christen ihre "Unschuld" beweisen, indem sie als Probe auf Kreuzigungs- und Mariendarstellungen draufgetreten sind, Seyler: "sonst: Rübe ab!"), was die Fotografin zu ihren "Trampelbildern" inspiriert hat, die zu so etwas wie ihrem Markenzeichen geworden sind.
Während auf den "Open-Air-Bildern" die NATUR ihre Spuren hinterlässt (das Leintuch, über das ein Baby krabbelt, wird dabei regelrecht zum Sandstrand), sind es hier die Menschen mit dem (meist urbanen) Dreck auf ihren Schuhsohlen. Seyler will die Leute darauf aufmerksam machen, "worauf sie unbewusst herumtrampeln". Legt ihnen Bilder vor die Füße (auf dem Kohlmarkt, im Kaffeehaus, beim Friseur, als Hürde vorm Eingang . . .), und in der Galerie gelangt man jetzt bloß in den zweiten Raum, wenn man eine nackte Frau, ängstlich oder frierend zusammengerollt zur Embryonalstellung, als Fußabtreter benutzt. Ein Test? Oute ich mich als schlechte Feministin, wenn ich weitergehe? Oder bin ich eine Banausin, wenn ich NICHT weitergehe, weil das doch schließlich ein Mitmach-Kunstwerk ist, und wenn ich mich aus irgendwelchen frauenrechtlichen Bedenken verweigere, wird es vielleicht niemals fertig? Außerdem ist die Künstlerin selbst eine Frau und die will das so. Dass ich ihr Opus "betrete". Drum hab ich mich mit meinen schmutzigen Stiefeln ausgiebig solidarisch mit ihr erklärt, mit Marielis Seyler, und den Test somit hoffentlich bestanden. Mit Auszeichnung.
Seyler: "Die Leute WOLLEN nicht drauftreten, aber wenn sie sich einmal entschieden haben . . . – wehe, wenn sie losgelassen." Merkt man ja an der Schmetterlingssammlung, die es vom Boden wieder an die Wand zurückgeschafft hat. Da haben die Friseurinnen und deren Kundinnen so richtig die Sau rausgelassen. Flüssigkeiten verschüttet, die Schere geholt . . .

"Ich brauch einen toten Hasen!"

Apropos tote Tiere. Die finden auch immer wieder den Weg in Seylers Kunst, in ihre ruhigen, einfühlsamen Kompositionen. Oder Marielis Seyler findet SIE. Im Garten, beim Bauern, auf der Straße. Versorgt ihre Wunden mit Bronze, Wachs, streichelt die Federn, das Fell mit Pastellkreide oder Blauwurz. Kunst macht den Tod wieder gut. Wer sich nun eine voyeuristische Leichenbeschau erwartet, der wird jedenfalls enttäuscht. ("Ich liebe die Natur und ich liebe die Tiere und ich leide mit ihnen.") Als Seyler eine Broschüre über die legendäre Beuys-Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" gefunden hat (am 26. November 1965 ist der Mann mit dem Filzhut und dem erweiterten Kunstbegriff ausnahmsweise OHNE Filzhut, dafür mit komplett vergoldetem Kopf und einem toten Hasen durch seine eigene Ausstellung marschiert), da hat sie sofort gewusst: "Ich brauch einen toten Hasen!" Und hat sich diesen bei einem Restaurantbesitzer, der nebenbei Jäger war, bestellt. "Drei Tage später hab ich vor der Türe einen toten Hasen liegen gehabt. Mit einem Lorbeerblatt im Maul." Und dem hat sie dann quasi IHRE Kunst erklärt. In den frühen 1990er Jahren. Hat ihn mitleidig verarztet, ihm behutsam einen Verband angelegt. Den andern Hasen in der Galerie hat sichtlich kein Jäger erwischt, sondern ein Auto (MINDESTENS eins) und ihn förmlich in die Straße eingeackert. Seyler hat zwar Restaurieren ebenfalls gelernt, aber da war klarerweise nix mehr zu machen. Wenigstens kann sie dem beinah bis zur totalen Abstraktion planierten Kadaver mit einem gefühlvollen, blassen Rot ein wenig Wärme und dem Betrachter Trost spenden.

Wenn Blicke zerfleischen könnten

Kalt lassen diese Arbeiten wohl niemanden. Jemand hat sogar einmal die Polizei gerufen. Wegen der "Zwei Mädchen mit Hund" (2007). Als das Bild in einer ANDEREN Ausstellung gezeigt worden ist, wohlgemerkt. Und was soll an dem Sujet so kriminell sein? Dass die Mädchen pudelnackert sind. Allerdings ist es eh kaum möglich, woanders hinzusehen als auf den bulligen Wachhund in ihrer Mitte. Der Boxer Yargo beschützt die beiden vor pädophilen Blicken schon allein mit seinen bannenden Augen. Trotzdem hab ich mich weniger deshalb unwohl gefühlt, weil mich der Hund mit seinen Blicken geradezu zerfleischt hat, als vielmehr deswegen, weil die Mädchen nix anhaben. Ob eine unschuldige Nacktheit überhaupt noch existiert? Wahrscheinlich hat die Angst vor den Pädophilen sie längst zerstört. Leider so gründlich, dass ich mich nicht einmal mehr traue, den zufrieden lächelnden "kleinen Prinzen" mit dem Hühnerei als Reichsapfel, als Insigne des Lebens, süß zu finden. Oder ihn hier gar abzubilden. Nein, lieber ein ausgewachsener nackter Mann mit einem riiiiesigen Blatt vorm Gesicht. Der ist unverfänglicher. Marielis Seyler sieht das freilich viel gelassener: "Kinder sind auch ein Naturprodukt."

Wie der Tod, der ist genauso eins. Und der schaut mit geschlossenen Augen aus einem der stärksten Bilder: das Antlitz der damals 80-jährigen Mutter der Künstlerin, konserviert unter transparenter Folie, während Schmetterlinge (diese Sinnbilder einer angeblich unsterblichen Seele, die den Körper verlässt wie einen leeren Kokon) Hoffnung auf ein ewiges Leben machen. Von heftig bis poetisch und fragil – alles da.