Ischgl, die Hände in die Höh’, wir haben ein Problem: Das Skigebiet im Tiroler Paznaun gilt zwar als eines der besten und modernsten seiner Art, in dem es sich bärig bis hinüber in die Schweiz bretteln lässt. Spätestens seit Frühling 2020 besitzt die 1.600-Seelen-Gemeinde mit ihren fast 12.000 Hotelbetten aber auch den schwer reparierbaren Ruf der globalen Coronavirus-Drehscheibe mit weltweit zahlreichen Infizierten - und Toten.

- © Lois Hechenblaikner
© Lois Hechenblaikner

Trotz Beteuerungen der Politik, "alles richtig gemacht" zu haben, spricht bereits die Entwicklung des einstigen Bergbauerndorfs zum für seine Exzesse bekannten "Ibiza der Alpen" eine andere Sprache, in der vor allem die Gier den Ton angibt. Nachdrücklich dokumentiert sind die hiesigen und spätestens per sofort als "Ischgler Verhältnisse" zu bezeichnenden Realitäten nun in Lois Hechenblaikners Feldforschungsfotoband "Ischgl", der - als Langzeitprojekt über letztlich 26 sehr masochistische Jahre angelegt - soeben zum richtigen Zeitpunkt erschienen ist.

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Man hat es geahnt - und schon der zweifelhafte Werbespruch der Skigemeinde ("Relax. If you can ...") legt es irgendwie nahe: Ischgl ist eher nicht der Ort, an dem man sich mit einem guten Buch zurückzieht, um beim Einatmen der frischen Bergluft im Westen des Heiligen Landes Tirol den inneren Zen-Buddhisten für sich zu entdecken. Nein. Mit seinen Horden an Männerrunden in "ethnischer" Verkleidung sowie den Polter- und anderweitigen Trinkgesellschaften mit "lustigen" T-Shirts ("Muschifreunde Karlsruhe", "Fotzen Ischgl Wo"), für die sich am Nova-Rock-Festival um dreißig Jahre jüngere Schluckspechte beim Anblick ihrer Mutter am Tag danach in Grund und Boden genieren würden, geht es hier vor allem darum, weniger dem Berg mit den Skiern, sondern sich selbst einmal so richtig die Kante zu geben.

Kein Prosit der Gemütlichkeit, sondern Voigas, ex, ex, ex - wie natürlich auch zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack, zack: Lois Hechenblaikner setzt in diesem Zusammenhang nicht nur auf das Wimmelbild mit Schnapsleichen und einer Glaslawine an zerbrochenem Leergut.

Die "Gästleit" melken

Wie ein möglicher neuer Teil von Felix Mitterers "Piefke-Saga" diesbezüglich exakt nichts hinzuerfinden müsste, muss auch der 62-jährige "Nestbeschmutzer" aus Tirol für seine Fotos nichts inszenieren: Es ist ja eh alles da. Die "authentische", also jedenfalls freiwillige Neigung des Partyvolks zur mitunter auch buchstäblichen Selbstentblößung spricht Fotobände. Immerhin sieht man neben offenbar äußerst frischluftbedürftigen Penissen mit und ohne Erektion sowie einem Dildo als Kopfschmuck auch eine Sexpuppe, die zum öffentlichen Gaudium mit Karotte und Sektflasche penetriert wird. Über die Bezeichnung "Skihaserl" und den Après-Ski-Werbetext "Abwedeln" in Verbindung mit viel nackter Haut ein andermal mehr. Am Ende dieses Kompendiums des Grauens setzt es übrigens gesammelte Presseaussendungen der Landespolizeidirektion Tirol, in denen als Dauerbrenner das Delikt "schwere Körperverletzung" regiert.

- © Lois Hechenblaikner
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Wichtig ist bei Hechenblaikners Blick auf die vom Brandbeschleuniger Alkohol befeuerte Ausschweifungsunkultur aber nicht zuletzt der Faktor Wirtschaft: Früher wurden in Ischgl Kühe gemolken, längst aber sind vor allem die "Gästleit" dran. Immerhin sieht man mit dem Ferrari-Fuhrpark vor einer Bettenburg oder einer Rechnung über 8770 Euro für drei Flaschen Champagner, dass am Bergballermann weniger der Ottonormalverbraucher als vielmehr die erhöhte Kaufkraft gastiert. Die Exzesse finden also auch im Milieu der "Leistungsträger" statt - vom neureichen Dom-Pérignon-Proletariat einmal ganz abgesehen.

Den obligatorischen Nackerten auf Zeltfesten am Land kennen wir. Sauf- und Drogenexzesse soll es auch in anderen Skiorten und Urlaubsdestinationen geben. Mit der Enttarnung der besonderen Perfidie Ischgls als diesbezügliche Spitze des Eisberges in Österreich aber ist Lois Hechenblaikner ein Meisterstück gelungen, bei dem man vor Fremdscham laut schreien möchte.