Schon im März wollte das MAK seine Schau mit Zeichnungen und Modellen von Raimund Abraham (1933-2010) im Kunstblättersaal starten, nun wird sie von Juni bis in den Oktober laufen. Es ist nicht ganz einfach, für einen aus der Theorie kommenden, mehr von der Zeichnung als realisierten Bauten ausgehenden Architekten eine passende Innenarchitektur zu entwerfen - Michael Wallraff lässt bewusst die Bibliothekswand frei mitwirken, denn Abraham war auch poetisch unterwegs, wovon nicht nur sein Manifest "Eyes Digging" von 2001 spricht, sondern auch ein Monument für Ezra Pound, integriert in sein utopisches Projekt für Venedig, das in einem Triptychon von für ihn typischen exakten Buntstift-Zeichnungen von 1979 in der Auswahl vorhanden ist.

"House with Two Halves", 1972, Tusche auf Papier. - © MAK/Georg Mayer
"House with Two Halves", 1972, Tusche auf Papier. - © MAK/Georg Mayer

Mit Hans Hollein und Walter Pichler stellte Abraham im MoMa in New York schon 1967/68 seine "Architectural Fantasies" aus. Die gemeinsamen Ideen der drei Österreicher, die enge Grenzen der Architektur, aber auch Skulptur überschritten haben, wirkten auf nachfolgende Generationen und Kollegen wie Peter Eisenman; im Fall von Abraham besonders durch seinen jahrzehntelangen Unterricht an der Cooper Union School in New York, der Yale und Harvard University, der University of California sowie in London, Kopenhagen und Graz.

Raimund Abraham, "Megabridge", 1964. - © MAK/Georg Mayer
Raimund Abraham, "Megabridge", 1964. - © MAK/Georg Mayer

Eine Verletzung der Landschaft

1952 bis 1958 hatte er an der TU Graz studiert und arbeitete lange in Kooperation mit anderen Architekten, bevor er 1964 in die USA ging. Seine Philosophie zeigte sich in einer Verbindung von geometrischen, auch von Maschinen vorgegebenen Formen mit organischen, die er meist in den Untergrund verlegte: zusammen bildeten sie "Architektur als Kollision", die für ihn doch immer eine Verletzung der Landschaft darstellte.

Das Raumfahrtzeitalter war ein weiterer Anreger der Verbindung von neo-futuristischen Formen mit archetypischen. Schon 1963 hat der aus Tirol stammende Künstlerarchitekt das Buch "Elementares Bauen" über landwirtschaftliche Nutzbauten im Alpenraum publiziert. Neben der "Moon Crater City" bestimmten die Prähistorie, aber auch Anregungen des in die USA emigrierten Architekten Friedrich Kiesler seinen Entwurf für ein "House with Two Halves" 1972, das er mit Walter Pichler bei Oggau bewohnen wollte. Mit Vito Acconci plante er eine Überbauung des Mississippi, das "Vorhanghaus" wollte er bestimmt sehen vom Wind, es gab auch schon die Idee von Häusern mit "Flowerwalls", wie sie heute Umsetzung finden. Sein spektakulärstes realisiertes Projekt ist aber das Österreichische Kulturforum in New York, das 2002 bis 2007 aus Beton, Glas, Aluminium und Zink gebaut wurde. Abraham ging als Sieger des Projekts mit dem von ihm "Guillotine" genannten Hochhaus hervor, da er die Stiegenhäuser des nur 7,5 Meter schmalen und 84 Meter hohen Gebäudes nach hinten verlegte und mit dem wenigen Raum präzise umging. Sein Konzertsaal und die schräge Fassade sind so legendär wie die Probleme der Baufirmen mit der Umsetzung - es bleibt bis heute ein markantes Statement in Manhattan.

Christoph Thun-Hohenstein, damals Direktor des Kulturforums, kann mit diesem Bau und Abrahams Idee, Architektur als Lebensentwurf für alle Sinne zu betrachten, mehr anfangen als mit den vielen heutigen Bauten ohne Poesie und Nachhaltigkeit. Er hebt auch Abrahams Hang zum Kochen als Kunst hervor und dessen utopischen Entwurf eines Hauses für Euklid, das sich selbst aus den Angeln hebt, was auch die Wortspiele von "Angel" und "Engel" im Titel der Schau einbezieht, den die Kuratorin Bärbel Fischer aus einem der Texte Abrahams entlehnte. 1983 war dieses Modell entstanden, kurz nach dem Entwurf für eine "Kirche an der Berliner Mauer", der 1981/82 bereits die Einheit Deutschlands und Europas beschwor.

"Stadt für vier Bewohner"

Weniger politisch war Abrahams letztes Projekt, das erst nach seinem Unfalltod 2010 für die deutsche Museumsinsel Hombroich auf dem Gelände einer ehemaligen Nato-Raketenstation verwirklicht wurde: "Das Haus für Musiker" greift auf die idealen Grundformen Kreis und Dreieck zurück, wobei Letzteres einen offenen Innenhof in der Mitte bildet. Es sei eine Stadt für vier Bewohner, sagte Abraham, der die zweite Schule der Wiener Moderne mit Arnold Schönberg verehrte, was ihn mit Hermann Nitsch, aber auch Filmer Peter Kubelka verband. Apropos: Abraham hat auch ein Gebäude für den experimentellen Film entworfen, und Regisseur Jonas Mekas hat dem Architekten einen sechsstündigen Film gewidmet, der "Scenes from the Life of Raimund Abraham" heißt und an vier Tagen im MAK Vortragssaal zu sehen sein wird (mit Pause!).