Ich soll mich also verpissen und einsam sterben. Die glauben doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich jetzt noch was über ihre Arbeiten schreibe, oder? Ach, wahrscheinlich darf man den Titel der Ausstellung in der Knoll Galerie Wien ("Fuck Off and Die Alone") nicht allzu persönlich nehmen.

Außerdem können Alexander Brener und Barbara Schurz, die als "Kunstterroristen" verschrien sind und gerne provozieren und "stören" (Galerist Hans Knoll: "Sie sind der Kunstszene immer auf die Nerven gegangen"), diesmal anscheinend ausnahmsweise nix dafür. Schließlich haben sie das Konvolut an obszönen Zeichnungen (mehr "fuck" als "fuck off") und kurzen Zwischentexten, das sie mittlerweile als Buch herausgegeben haben und von dem die einzelnen Seiten hier gerahmt an den Wänden hängen, selber bloß gefunden. Wie im Vorwort vermerkt ist: an einem windigen Wintertag in einem Papiersackerl auf einer Parkbank in Portugal. (Offenbar von einem Wagnerianer hinterlegt. Jedenfalls von jemandem, der auf Alliterationen steht.) Ja, wer’s glaubt. Dass nämlich für das Paar die Unschuldsvermutung gilt. Wetten, die beiden haben kein Alibi für die Zeit, als die Blätter befüllt worden sind?

Nackt und allein auf dem Schlachtfeld der Lüste, das Brener & Schurz hinterlassen haben. - © Alexander Brener & Barbara Schurz/Knoll Galerie Wien
Nackt und allein auf dem Schlachtfeld der Lüste, das Brener & Schurz hinterlassen haben. - © Alexander Brener & Barbara Schurz/Knoll Galerie Wien

Männer sind trotzdem keine Schweine

Unglaublich dichte, plakative, ekstatische Zeichnungen, die letztlich die russischen Lubki (Singular: Lubok) im Stammbaum haben, diese traditionellen volkstümlichen Einblatt-Druckgrafiken, oft mit satirischem, gesellschaftskritischem Inhalt. Auch in "Fuck Off and Die Alone": keine durchgehende Handlung, jedes Blatt erzählt seine eigene wilde Geschichte (pornografisch, blutig, mythisch, politisch, böse, dekorativ), leidet genüsslich an einem Horror vacui, an der panischen Angst vor der Leere. Die Tusche hat feuchte Träume. Von Orgien an Land und unter Wasser. Von ständig gespreizten Beinen, von Erektionen, versunkenen Schiffen, lüsternen Fischen. Die Männer sind trotzdem keine Schweine, sie sind Elefanten, Elche, Wölfe, haben zumindest mitunter deren Köpfe auf.

Auf den Schlachtfeldern der Lust stapeln sich die leeren Flaschen, die Waffen, die Knochen und die kitschigen Herzerln. Eros und Thanatos – im Krieg und beim Sex ist sowieso alles erlaubt. Eine treibt es mit einem Sarg (wohlgemerkt: nicht in einem Sarg, sondern mit ihm), eine einbrüstige Amazone (oder Piratin?) mit Augenklappe ist mit dem Messer und sexuell gleichermaßen äußerst aktiv, zwei Liebende küssen sich aus aufeinander gerichteten Kanonen. Selbst durch die Stadt flaniert man in paradiesischer Nacktheit, derweil ballert der Himmel aus allen Gewehr- und Pistolenläufen Blut auf den Regenschirm der Spaziergängerin. Durchaus starke, surreale Bilder mit aggressivem, dann wieder wuchernd ornamentalem Strich, die man nicht einfach als pubertäre Schmuddel-Fantasien abtun kann. Gesellschaftliche Gräben tun sich da auf, die einen sind "born to lose", die andern "born to win".

Auf die Knie vor dem Eiscreme-Kaiser!

Und die Texte dazwischen? Lauter nicht näher als solche gekennzeichnete Zitate (bis auf jenes von Herman Melville am Anfang): von Samuel Beckett (jede Menge Beckett), von Oscar Wilde, Tristan Tzara, aus Ralph Ellisons "Der unsichtbare Mann" wird auch was ausgeborgt, wird Weisheit geliehen ("There is always an element of crime in freedom"), und Wallace Stevens‘ lyrischer Eiscreme-Kaiser ("The only emperor ist the emperor of ice-cream") darf gleich über ein ganzes Kapitel herrschen. Die englischen "Shes" und "Hes" werden vorzugsweise geschlechtsumgewandelt, während sich die deutsche Erde aus Goethes "Faust" (Vers 784: "Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!") dafür in französische Scheiße verwandelt: "Die Merde hat mich wieder!" Tja, Shit happens. Oder eigentlich passiert sie nicht, die Scheiße, manchmal ist sie volle Absicht.

Ohne Gackerl-Sackerl ins Museum

Apropos Popo. Alexander Brener, 1957 in der damaligen kasachischen Sowjetrepublik geboren, dieser Pionier der Performancekunst in Russland, hat dereinst im Moskauer Puschkin-Museum demonstriert, dass Aktionisten definitiv nicht stubenrein sind, indem er vor einen van Gogh eigenärschig hingekackt hat. (Und nicht einmal ein Gackerl-Sackerl hat er dabeigehabt.) Im Amsterdamer Stedelijk-Museum ist er 1997 sogar NOCH weiter gegangen und hat auf ein weißes Kreuz auf dunkelweißem Grund von Kasimir Malewitsch ein grünes Dollarzeichen gesprayt, hat den Dollar, den Götzen des Kommerzes, gekreuzigt, was ihm zehn Monate eingebracht hat. Und Museumsverbot hat er natürlich gekriegt.

Kunst und Geld, der Osten und der Westen. Unpolitisch sind die gemeinsamen Kunstbücher mit der Kärntnerin Barbara Schurz (Jahrgang 1973), mit der Brener ein konsequent nomadisches Leben führt, ebenfalls nie. "What to do? 54 Technologies of Resistance Against Power Relations in Late-Capitalism" (eine "Technologie" des Widerstands ist zum Beispiel Spucken), oder eben: "Fuck Off and Die Alone". Ob die Botschaft von letzterem imposantem Werk womöglich schlichtweg lautet: Make love, not war? Nur dass es da halt nicht um Blümchensex geht, auch wenn das ein Flower-Power-Spruch ist?