"True Romance" – klingt, als wäre die Ausstellung von Soshiro Matsubara was für echte Romantiker. Andererseits hat ein Film gleichen Namens nach dem allerersten Drehbuch von Quentin Tarantino eine Altersfreigabe von 18 Jahren. Ganz jugendfrei ist das freilich auch nicht, was einem in der Galerie Croy Nielsen geboten wird. Das liegt allerdings weniger an irgendwelchen Blutorgien und –räuschen (wobei: Rot ist ebenfalls die Leitfarbe), als vielmehr an der pikanten Installation im Hauptraum: "A Tale of Romance."

Eine große Liebesgeschichte wird da erzählt. Eine lebensgroße. Gut, vielleicht ist die Version des in Wien lebenden Japaners ein paar Zentimeter kleiner. Aber das ORIGINAL war lebensgroß. Die Puppe nämlich. Was hier aussehen mag wie die flauschige Sexpuppe des Yeti (etwas zum Ankuscheln im Winter), eine Mischung aus Gummipuppe und Teddybär (Teddy-EIS-Bär), also stark behaart und weiß, das ist in Wahrheit Oskar Kokoschkas Alma-Puppe nachempfunden. Der expressionistische Maler und Dramatiker hatte ja eine intensive und äußerst komplizierte (und ungesunde) Beziehung mit der Witwe des gefeierten Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler, bevor die selbst musisch begabte Muse diverser Künstler dann doch den Architekten Walter Gropius und später, nach der Scheidung von diesem, noch den Dichter Franz Werfel geheiratet hat. Nach der schmerzlichen Trennung hat sich der eifersüchtige Kokoschka im Ersten Weltkrieg jedenfalls gleich einmal als Freiwilliger gemeldet (beim k. u. k. Dragonerregiment "Erzherzog Joseph" Nr. 15 – um sich das unabdingbare Pferd leisten zu können, hat er übrigens sein berühmtes Bild "Die Windsbraut" verkauft, auf dem sich seine Alma eng an ihn schmiegt), er wurde schwer verwundet, und nach dem Krieg hat er sich schließlich bei einer Puppenmacherin eine Alma bestellt.

Lustmord an einem Bettvorleger

Glücklich ist er aber auch mit DIESER Alma nicht geworden. Denn "pfirsichähnlich im Angreifen" hätte sie sein sollen, umso größer war daher die Enttäuschung über den zotteligen Bettvorleger mit Brüsten, den er zunächst trotzdem beseelt hat (mit dem Pinsel), indem er diese Venus im Pelz der etwas anderen, unrasierten Art als Modell genutzt hat (und als An- und Ausziehgefährtin). Bis er mit der schlechten Alma-Imitation Schluss gemacht, sie nach einem "Champagner-Fest mit Kammermusik" im Garten enthauptet und "beweint" hat. Rotwein über ihren ent-seelten Körper geschüttet hat. Ein Verbrechen aus Leidenschaft. Woraufhin der Lustmörder (Kokoschka: "An jenem Abend hab ich die Alma ermordet") am nächsten Tag wegen der vermeintlichen blutüberströmten Frauenleiche vorm Haus prompt Besuch von der Polizei erhalten hat.

Zwei Glühlampen, eine Lichtstimmung: "Last NightII" von Soshiro Matsubara. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Zwei Glühlampen, eine Lichtstimmung: "Last NightII" von Soshiro Matsubara.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Bei Soshiro Matsubara (sogar an die Achselbehaarung hat er gedacht, an die Schamhaare sowieso) HAT die Puppe ihren Kopf noch und spreizt auf einem rosig eingefärbten Teppich und unter einem tiefhängenden Vollmond (einer Kugellampe) ihre Beine, während nicht Kokoschkas Pinsel, sondern seine Zunge sie "beseelt". Dafür hat der Liebhaber keinen KÖRPER vom Hals abwärts. Der Regisseur dieser erotischen Szene zwischen Intimität und Voyeurismus, kindlicher Stofftier-Weichheit und reifer Obszönität hat den Liebenden außerdem die Haare gefärbt. In der Farbe der Leidenschaft: Rot. Aufgespießt, auf einen Holzpfahl, hat er Alma Mahlers Kopf aber eh auch. Ziemlich gruselig, ihr Porträt aus glasierter Keramik. Selbst OHNE blutige Splatter-Effekte. Kein Happy-End, eher ein Dead-End.

Die Sphinx war beim Friseur

Ödipus (das ist der, nach dem dieser Muttersöhnchen-Komplex benannt ist, wonach Buben ihre Väter töten wollen, um ihre Mütter endlich für sich allein zu haben) und die Sphinx, dieser Mensch-Raubkatzen-Hybrid, eine animalische Femme fatale (so gesehen ist die Eisbären-Alma ebenfalls eine Art Sphinx), reiben ihre Wangen innig aneinander: Das mysteriöse Gemälde über der Bar kommt einem zu Recht bekannt vor. Richtig: "Die Kunst oder Die Liebkosung" (1896), ein Bilderrätsel des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff. Und das hat Matsubara keck umgemalt, hat der offenbar verliebten männermordenden Sphinx die Züge und die Frisur von Alma Mahler gegeben und dem Ödipus jene von Oskar Kokoschka, obwohl der das Rätsel SEINER Sphinx eigentlich nie gelöst hat. Das passende Zitat aus der Kunstgeschichte für eine fatale Begierde.

Im Fingerabschneiden ist Matsubara gleichermaßen versiert. Okay, das sind lediglich Keramikfinger, die da von der Stehlampe baumeln. Erinnerungen als unheimliche Trophäensammlung? Immer wieder wird die Grenze zur angewandten Kunst überschritten, zum Kunsthandwerk, schleicht sich die Kunst ins Leben ein, in den Alltag. Tarnt sie sich als brauchbares Objekt. Als Garderobenhaken zum Beispiel. Ob die keramischen Wandleuchten (jugendstilistisch angehauchte Glühbirnenhalter) deshalb so haptisch geknetet sind, leicht unbeholfen, damit ihre Tarnung auffliegt und man sie als Kunst erkennt?