Kein Bild bewegt sich, alle hängen reglos an den Wänden und halten still. Ja, eh. Bei Gemälden IST das in der Regel so. Und trotzdem ist die Ausstellung in der Galerie Martin Janda sehr filmisch. Okay, bei einem Film ist die Bewegung nur eine Illusion, die Einzelbilder sind statisch. Aber kann man sich die AUCH eins nach dem andern in Ruhe anschauen wie die gemalten von Melanie Ebenhoch?

Hier hat das blonde Über-Es gewohnt: Jayne Mansfields"Pink Palace", gemalt von Melanie Ebenhoch. 
- © Galerie Martin Janda, Wien

Hier hat das blonde Über-Es gewohnt: Jayne Mansfields"Pink Palace", gemalt von Melanie Ebenhoch.

- © Galerie Martin Janda, Wien

Nichts ist hier so, wie es scheint. Nicht einmal der Mond. (Abgesehen davon, dass der streng genommen überhaupt nicht SCHEINT, nicht von selber leuchtet, sondern bloß das Licht der Sonne reflektiert.) Der steht in einem der drei fast identischen, schematisch reduzierten Grau-in-Grau-Bilder (in der Nacht sind eben ALLE Farben grau) plötzlich kopf, wird zwischen den Vorhanghälften, die sofort vexierbildartig in leicht gegrätschte Beine umschlagen, zum Gesicht einer sich vorbeugenden Frau, die keine Unterwäsche trägt und hinten ihren EIGENEN "Mond" aufgehen lässt, nämlich dem Betrachter (und Betrachter sind von Natur aus Voyeure) ihren blanken Hintern präsentiert. Mit starrem Blick zurückspechtelt, mit dem Voyeur Bock schaut. "Mooning" heißt das im Übrigen, dieses provokante Entgegenstrecken des nackten . . . Vollmonds. Und schließlich verwandelt sich der - vordere - Mond in eine Erdkugel. Heißt das, die zeigefreudige Dame ist jetzt selber auf dem Mond gelandet, als erste (unpassend gekleidete) Frau? Nein, denn leider mutiert der Mond lediglich zum Globus der Universal-Pictures, zum Movie-Intro, und die weibliche Anatomie öffnet sich als sexy (oder sexistischer?) Kinovorhang, weil der Film gerade anfängt.

Der Mond ist aufgegangen und sagt: "Tschüss - byebye" (Melanie Ebenhoch, 2020). 
- © Galerie Martin Janda, Wien

Der Mond ist aufgegangen und sagt: "Tschüss - byebye" (Melanie Ebenhoch, 2020).

- © Galerie Martin Janda, Wien

Wo das blonde Über-Es wohnt

Danach ist die Leinwandwelt (Öl auf Leinwand) zwar wieder in Farbe, wird man quasi wie in "Der Zauberer von Oz" aus dem monochromen Alltagsgrau ins fantastische Technicolor-Land Oz verblasen, das Frauenbild aus grauer Vorzeit bleibt freilich unterschwellig präsent. Besonders in der rosaroten Barbie-Villa am Sunset Boulevard, in der die "Sirene in Blond", Jayne Mansfield, mit ihrem Ken, ihrem Mister Universum Mickey Hargitay, gelebt beziehungsweise sich selbst gespielt hat. Herzförmiger Pool und eine ebensolche Badewanne (in einem mit rosa Kunstfell tapezierten Badezimmer), und aus dem Brunnen sprang Rosé-Champagner – die perfekte Kulisse aus Herzerln und Plüsch für ihre Selbstinszenierung als maßlos übersteigerte Hollywood-Sexgöttin, als Über-Monroe, als blondes Über-Es, wobei sie ihr Rollenklischee schon allein physisch so übertrieben gut ausgefüllt, es übererfüllt hat, dass es beinah geplatzt ist. Dermaßen nachhaltig hat sie ihre komplette Welt pink gestrichen (ihr Stern auf dem Hollywood Walk of Fame war aber von Haus aus altrosafarben), dass Ringo Starr, einer der Nachbesitzer ihres zuckerlrosafarbenen Anwesens nach ihrem frühen Tod, es angeblich nicht geschafft hat, die Wände weiß zu übertünchen. Das hartnäckige Pink soll immer wieder durchgekommen sein. (Pink forever!) Jayne Mansfield war aus ihrem Palast einfach nicht rauszukriegen. Erst als er 2002 abgerissen worden ist, ist sie notgedrungen ausgezogen.

Heizen mit Herz: Melanie Ebenhochs "TheFireplace". 
- © Galerie Martin Janda, Wien

Heizen mit Herz: Melanie Ebenhochs "TheFireplace".

- © Galerie Martin Janda, Wien

Im Zentrum des Kitsches

Melanie Ebenhoch entrückt den Pink Palace nun mit sensiblem Pinsel und in fein nuancierten Tönen wieder zurück ins Grau, ins Gräuliche, aus dem bunten "Oz Angeles" nach Kansas, ins Unbunte, umduftet ihn dabei allerdings geheimnisvoll mit einer unwirklichen rosa Aura, einem traumartigen Mystery-Dunst. Und im Souterrain der Galerie: eine Kamin-Attrappe aus Holz mit Fakesteinen aus Styrodur und Farbe. Ein Nachbau des Originals aus dem Zentrum des Kitsches als rustikaler skulpturaler Rahmen für eine weitere gemalte Außenansicht des pinken American-Dream-Hauses. Die 1985 in Feldkirch geborene und nunmehr in Wien lebende Künstlerin GIESST nicht Öl ins Feuer, sie MALT es dorthin, wo es brennen würde, wenn der Kamin echt wäre, wenn er eine heimelige Feuerstelle wäre für die romantisch domestizierte Naturgewalt. Ein Monument des schönen Scheins? Man beachte das eingeritzte Herzerl, zu dem sich die Fugen zwischen den falschen Steinen fügen. Subtil wie die Arbeiten insgesamt, die Fälschung und Realität, Täuschung und Wahrheit, Außen und Innen diskret verschwimmen lassen und deren Hintergründigkeit sich erst bei näherem Hinsehen enthüllt. (Jayne Mansfields Grabstein in Herzform ist übrigens ein RICHTIGER Stein.)

Und das Ende? Volltanken und abhauen? Ein Poster im Breitwandformat und mit düsterer Film-noir-Atmosphäre lockt Davonläufer mit Zapfhähnen in den verwunschenen Knusperwald (eigentlich in den Türkenschanzpark), und über allem schweben die klassischen letzten Worte: "Bin nur kurz Zigaretten holen."